Rezensionen: Filme

Filmkritik: „Wie Ich Lernte, Bei Mir Selbst Kind Zu Sein“ (2019)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Buchvorlage
Regie: Rupert Henning
Mit: Karl Markovics, Valentin Hagg, Sabine Timoteo u.a.
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 140 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Tragikomödie
Tags: Kind | Junge | Familie | Aufwachsen | Fantasie

Die Kraft der Fantasie, oder: Young Sheldon auf Abwegen.

Inhalt: Der zwölfjährige Paul Silberstein wächst als jüngster Spross einer altösterreichischen Zuckerbäckerdynastie im Österreich der späten 1950er Jahre auf. Leicht hat er es dabei beileibe nicht – von seinem strengen Vater wird er drangsaliert, von seiner Mutter und seinem älteren Bruder größtenteils ignoriert. Doch mit Pauls Weg in die Pubertät kommt auch ein Drang, sich den ihm aufgezwungenen Regeln zu widersetzen – was ihm leider nicht viel mehr bringt als einen Aufenthalt im hiesigen Jesuiten-Internat. Auch hier versucht man, den jungen Freigeist in seine Schranken zu weisen – mit bestenfalls mittelmäßigem Erfolg. Paul rebelliert, auf seine ganz eigene Art und Weise – und träumt davon, sich endlich von den ihm auferlegten Fesseln loszureißen. Den nötigen Willen, und sicher auch die nötige Intelligenz und vor allem Redegewandtheit hat er – doch was hilft all das, wenn er schlicht niemanden hat, der ihn unterstützt ?

Kritik: WIE ICH LERNTE, BEI MIR SELBST KIND ZU SEIN ist eine Coming Of Age-Tragikomödie aus der Feder von Uli Brée und Rupert Henning, die sich für ihr Drehbuch auf die gleichnamige, teils autobiografisch angehauchte Erzählung des österreichischen Autors und Multi-Talents André Heller (Link) gestützt haben. In der Zusammenschau ist dabei vor allem eines herausgekommen: ein recht ambitioniertes, ungewöhnliches, unterhaltsames – und vor allem nicht zu unterschätzendes Werk mit einem Hang zu Genre-Veteranen der Marke Jean-Pierre Jeunet (DIE KARTE MEINER TRÄUME).

Ein Vergleich wie dieser mag (zu) hoch gegriffen erscheinen. Vielleicht aber auch nicht – schließlich beweist WIE ICH LERNTE… schon in seinen ersten Minuten, dass in diesem Fall mit etwas gänzlich anderem gerechnet werden müsste als einer typischen Coming Of Age-Geschichte. Und selbst wenn man sich bemüht eben diesen Begriff anzuberaumen; so gilt er doch bestenfalls für die Ausgangssituation und das grobe Story-Konstrukt – und nicht etwa für die erfrischende Ausführung. Immerhin ist die ebenso lebhaft wie; man nenne es durchtrieben – und sorgt dafür, dass es WIE ICH LERNTE… relativ problemlos in die Riege jener beachtenswerter Genre-Filme aufsteigen kann, die das gewisse Etwas haben.

Denn, und das sollte man festhalten: trotz seiner teils enorm skurrilen Einschübe wird der Film niemals albern. Vielmehr behält er seinen ernsten Grundton mindestens unterschwellig bei – und sorgt so immer wieder für Situationen, bei denen man nicht weiß ob man lachen oder weinen soll. Gerade das macht den Film so anders, und auch: so ehrlich und emotional. Als weiterer Bonus fungiert hier selbstverständlich auch die konsequente Einhaltung der kindlichen Erzählperspektive, die für ein erhöhtes Maß an Empathie und das im schlimmsten Fall längst vergessene, mit dem Hauptcharakter geteilte kindliche Entdeckergefühl sorgt. Dass WIE ICH LERNTE… dabei auch noch ein Auge auf allerlei menschliche und zwischenmenschliche Probleme wirft, interessante Fragen rund um das Aufwachsen und den Selbstfindungsprozesses nicht nur bei Kindern stellt; und dabei generell als kleines Plädoyer für Andersartigkeit gewertet werden kann rundet das Gesamtpaket hervorragend ab.

Wenn man schon bei den Vorzügen des Films ist, sollte man eines gewiss nicht vergessen respektive außer Acht lassen: die schier unglaubliche Leistung der beteiligten Darsteller, die hier alle – und das trotz oder gerade wegen der teils recht eingeschränkten Möglichkeiten einer Charakterbildung – über sich hinausgewachsen sind. Allen voran gilt hier natürlich der Jungdarsteller Valentin Hagg zu nennen, der den Film fast schon allein stemmt – und das auf eine derart bravouröse und charmante Art und Weise, das einem das Herz aufgeht. Immerhin: als allzu leicht zu spielen dürfte man diese Rolle wohl eher nicht bezeichnen, vor allem was den Spagat zwischen den verschiedensten Emotionen mit vereinzelten Höhepunkten in Richtung so selten gesehener Ausbrüche (beispielhaft: eine etwas andere Tanzeinlage als Kompensationstheraphie) – doch selbst in Anbetracht dessen gibt es hier nicht zu meckern, im Gegenteil.

Glücklicherweise ist das auch auf die gesamten anderen handwerklich-technischen Aspekte des Films zu beziehen, der insgesamt betrachtet nicht nur gut aussieht – sondern auch über das besondere Fingerspitzengefühl hinsichtlich der markanten Kamerafahrten oder des Soundtrack einige zutiefst positive Eindrücke generieren kann. Wenn, ja wenn da nicht doch zwei Dinge wären, die den Filmgenuss etwas schmälern: die doch recht ausführliche Spieldauer von knapp über 2 Stunden, die man eventuell – und je nach Facón – ruhig noch etwas hätte einstampfen können; sowie das in Sachen Symbolik und Bildsprache doch noch etwas ausufernde, fast schon surreale Züge annehmende Grande Finale. Selbiges steht schließlich doch etwas konträr zu den vorangegangenen, deutlich geschickteren und subtileren Eindrücken.

Insgesamt betrachtet aber sollte man WIE ICH LERNTE… eine Chance geben – ob man sich nun als Freund von Coming Of Age-Geschichten bezeichnet oder nicht. Schließlich gilt, und das ist in diesem Fall tatsächlich so: es ist für (fast) jeden etwas dabei.

Bilder / Promofotos / Screenshots: Piffl Medien GmbH

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„Ein Film wie sein Hauptprotagonist: erfrischend anders.“

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