Rezensionen: Filme

Filmkritik: „Vergissmichnicht“ (2010)

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Originaltitel: L’Age De Raison
Regie: Yann Samuell
Mit: Sophie Marceau, Jonathan Zaccaï, Marton Csokas u.a.
Land: Belgien, Frankreich
Laufzeit: ca. 97 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Genre: Drama, Komödie
Tags: Karriere | Familie | Kindheit | Übereinkunft | Leben

Manchmal lohnt sich ein Blick zurück… oder ?

Kurzinhalt: Pünktlich zum 40. Geburtstag der beruflich erfolgreichen Margaret (Sophie Marceau) stellt sich plötzlich unerwarteter Besuch ein. Ein pensionierter Notar (Michel Duchaussoy) überreicht ihr einen mysteriösen Brief – der sich überraschenderweise als ihr eigener herausstellt. Nur, dass sie ihn vor etwa 33 Jahren geschrieben hat… als Kind, und mit dem Ziel ihr späteres Ich zu erreichen. Zunächst will Margaret nichts mit derartigen Kindereien zu tun haben – doch nach und nach lässt sie sich auf ihr eigenes, vor 3 Jahrzehnten begonnenes Experiment ein. So sinniert sie nicht nur über die Vergangenheit und lässt alte Erinnerungen aufleben; sie beginnt auch sich intensiver mit den Texten zu befassen und über ihr jetziges Leben nachzudenken. Denn so ganz möchte das damals geschriebene nicht mit ihrem heutigen Status als eher kaltblütige Geschäftsfrau harmonieren…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Die Star-besetzte Tragik-Komödie VERGISSMICHNICHT (nicht zu verwechseln mit VERGISSMEINNICHT) von Yann Samuell befasst sich mit dem Leben einer emanzipierten Erfolgsfrau – und einem längst vergessenen Selbst-Experiment, welches sie schon als 7-jährige ins Leben gerufen hat. Dabei ist die Idee, eine erwachsene Frau auf dem Weg alter Briefe mit ihrem jüngeren Ich kommunizieren zu lassen; nicht gänzlich neu. Doch scheint sie in diesem Fall – und als Hauptaufhänger der sentimentalen Story – durchaus aufzugehen. Schließlich ist das Problem der fehlenden Selbstreflexion ein zeitloses; und die Art, wie Regisseur Yann Samuell es verpackt durchaus charmant. Vor allem aber scheint sie kindgerecht – was bei einem Blick auf die Altersfreigabe ab 0 noch nicht besonders verwunderlich erscheint. In Anbetracht der eigentlichen Zielgruppe des Films aber könnte dennoch Verwirrung entstehen – VERGISSMICHNICHT ist schließlich nicht als Kinder- oder Familienfilm konzipiert. Deswegen, und aufgrund anderer Faktoren bleibt der Film weit hinter seinen Möglichkeiten zurück – und wirkt dabei nicht nur extrem seicht, sondern vor allem auch sehr klischeehaft.

Denn eine intensive Charakterzeichnung sieht der Film nicht vor – trotz der theoretisch starken Hauptfigur, die von einer noch stärkeren und äußerst wandelbaren Sophie Marceau verkörpert wird. Ohnehin scheint es, als wurde den inhaltlichen Faktoren weitaus weniger Aufmerksamkeit geschenkt als den stilistischen; hier eher verzierenden. So hat Yann Samuell neben einigen wehmütig inszenierten Kindheitserinnerungen und einem Blick für möglichst malerisch-idyllische Aufnahmen in warmen Erdtönen (die folgerichtig mit der nicht nur sprichwörtlichen Kälte der Business-Welt kollidieren) vor allem eines zu bieten: eine riesengroße Portion Herzschmerz. Die wird jedoch kaum aus den Schicksalen der Protagonisten generiert, sondern vielmehr aus dem Wust der vehement auf die Tränendrüse drückenden Stilmittel. Seien es die überschwängliche Nostalgie, der allgemeine Reiz der (kindlichen) Unschuld oder die stets im Hintergrund agierenden Streich-Orchester – VERGISSMICHNICHT schöpft handwerklich und inszenatorisch aus dem Vollen. Problematisch und nur allzu offensichtlich ist, dass das Ganze so aber auch nicht an Gehalt oder Tiefe gewinnt – und die Tränen hier vergleichsweise künstlich herbeigeführt werden.

Sicher, VERGISSMICHNICHT will keine Charakterstudie oder ein tiefgreifendes Drama über den Sinn oder Unsinn des Lebens sein – sondern eher ein modernes Märchen. Eines, das mit seinen emotionalen Bildern und einer zutiefst melodramatischen Stimmung zum Träumen einlädt, und nebenbei auch noch eine wertvolle Botschaft enthält. Dennoch wird einen das Gefühl kaum verlassen, als sei das in diesem Falle etwas zu wenig. Zumal der eigentliche Selbstfindungsprozess, die endlich stattfindende Selbstreflexion insgesamt eher unglaubwürdig wirkt und aufgrund der Briefe zu sehr forciert wird. Überhaupt erscheinen Parallelen zu Werken wie DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE alles andere als weit hergeholt. Vergleichsmöglichkeiten fänden sich auch ganz grundsätzlich einige – sodass VERGISSMICHNICHT letztendlich wenig originell wirkt und sich beinahe ausschließlich auf den magischen Prozess des Titel-gebenden Briefaustausches verlässt. Der scheint dann aber auch tatsächlich nur im Bereich des fantastischen aufzugehen. Warum sich die Hauptprotagonistin offenbar gar nicht mehr an ihre eigenen Briefe erinnern kann, oder wie sie schon als 7-jährige einen derart festen und zukunftsweisenden Entschluss fassen konnte; bleibt weitestgehend offen.

Fazit: Was vielversprechend und mit einem gewissen französischen Charme (der sich bereits im verspielten, alles andere als typischen Intro bemerkbar macht) beginnt, entpuppt sich im weiteren Verlauf als etwas zu platte Angelegenheit. Eine, die bestenfalls passabel unterhält – dafür aber umso stärker auf die Tränendrüse drückt. Das eigentliche Dilemma des Films bleibt die einstweilen relativ schwer zu verkraftende Überladung durch diverse Stilmittel und die künstlich herbeigeführte Emotionalität – während die eigentlich wichtigen inhaltlichen Aspekte und auch die Charakterzeichnung auf der Strecke bleiben. Anders gesagt: vermutlich wäre VERGISSMICHNICHT ein Paradebeispiel für einen Film, der sprichwörtlich viel Lärm um Nichts macht. Immerhin sollten die optische Aufmachung, die leicht märchenhafte Erzählart und die wichtige Botschaft ihn zumindest für ein jüngeres Publikum interessant machen. Für eine Durchschnittswertung und eine eingeschränkte Empfehlung reicht es also noch.

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„Passable Idee, starke Besetzung, charmanter Ansatz – aber holprige, unglaubwürdige und emotional gekünstelte Umsetzung.“

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