Rezensionen: Filme

Filmkritik: „Versprich Es Mir“ (2007)

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Originaltitel: Zavet
Regie: Emir Kusturica
Mit: Marija Petronijevic, Uros Milovanovic, Ljiljana Blagojevic u.a.
Land: Serbien, Frankreich
Laufzeit: ca. 123 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Komödie
Tags: Ländlich | Idylle | Junge | Großvater | Großstadt | Tumult | Chaos

Wer hat gesagt dass es leicht sein würde, Erwachsen zu werden ?

Kurzinhalt: Der junge Tsane (Uros Milovanovic) lebt mit seinem Großvater (Aleksandar Bercek) in einem kleinen, verschlafenen Dörfchen. Viel zu sehen oder erleben gibt es hier nicht – und dass es so gut wie keine anderen Kinder gibt, kommt Tsane ebenfalls nicht gerade gelegen. So verbringt er die meiste Zeit mit seinem schrulligen Großvater, der Tsane eines Tages mit einer ganz besonderen Aufgabe vertraut macht. Ein alter Brauch will es, dass Tsane – auf seinem Weg zum Manne und in das Erwachsenendasein – in die nächste Stadt zieht um eine Kuh zu verkaufen. Dies und zwei weitere kleinere Aufgaben sollen letztendlich dazu führen, dass Tsane eine Partnerin findet und in die Fußstapfen seines immer wehleidigeren Großvaters treten kann. Auf seinem Weg in die Stadt trifft er dann auf die schöne Jasna (Marija Petronijevic), die von einigen besonders unangenehmen Zeitgenossen bedroht wird. Tsane zögert nicht lange… dass er sich damit bei einer ortsansässigen Gangsterbande keine Freunde macht, ist nur eine der vielen chaotischen Folgen.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Es gibt sie – Filme, die nicht nur auf den ersten Blick anders sind und sich fernab gängiger Konventionen, moralischer Richtlinien oder schlicht Geschmäckern bewegen. Ein solches, wenn man so will anarchistisches Chaos-Werk ist auch die serbische Coming-Of-Age-Komödie VERSPRICH ES MIR – ein Film, der trotz des teils heillosen Leinwand-Durcheinanders eine markante Atmosphäre etablieren kann und einen vergleichsweise immensen Unterhaltungswert an den Tag legt. Verantwortlich dafür sind in erster Linie die enorme erzählerische Frische, die allgemein reichlich angeheiterte Stimmung und die zahlreichen komödiantischen Elemente – die so unverbraucht und wirkungsvoll ausfallen, dass der grundsätzlich eher simple Plot nur noch eine Nebenrolle spielt. Anders gesagt: er bildet das Fundament für diesen schier wahnwitzigen Film, der sich nicht wie andere Werke krampfhaft an einem roten Faden orientiert; sondern zumindest gefühlt vieles dem Zufall überlässt. Gerade das steigert die Wirkung und Glaubwürdigkeit des Films – selbst in Anbetracht der zahlreichen kuriosen Elemente; bei denen man sich fragt aus welchem Bewusstseinszustand diese hervorgegangen sein mögen. VERSPRICH ES MIR kombiniert so gleichermaßen eine gewisse Bodenständigkeit und unvorhersehbare Elemente des Chaos – was zu einem filmischen Pulverfass der Superlative führt.

Schön ist, dass sich Regisseur Emir Kusturica offenbar ohne Einschränkungen austoben konnte und dies auch sichtlich tat – sodass der Film in beinahe jeder Einzelszene einen hohen Wiedererkennungswert und eine gewisse Einzigartigkeit besitzt. Eine nicht immer glanz- oder allzu stilvolle, das sei angemerkt – doch eine angenehm rebellische und unterhaltsame. Die Stilmittel und Inhalte hätten dabei bunter nicht ausfallen können: analog zur bereits eingetretenen Pubertät des Hauptcharakters werden allerlei sexuelle Anspielungen (auch auf die Tierwelt) vorgenommen oder gar veranschaulicht, es wird an jeder Ecke geflucht und geschwätzt; es wird gemordet, bedroht und gemauschelt – und das meist aus den ungewöhnlichsten Zusammenhängen heraus. Dass VERSPRICH ES MIR somit kaum als politisch oder moralisch korrekt eingestuft werden kann, sollte jedem Zuschauer klar sein – und auch, dass die Altersfreigabe mit einer FSK 12 auffällig mild ausgefallen ist. Fast schon peinlich mild – denn wo andere Filme zu Unrecht mit einer höheren FSK eingestuft werden, böte es sich gerade bei einem Film wie diesem an eine etwas strengere Hand walten zu lassen. Diskussionen über die Qualität einer Kuh als Sexualpartner; eine Szene in der ein zahlungsrückständiger von einer Gangsterbande mit zahlreichen Schüssen hingerichtet wird und danach – zusammen mit einer Handgranate – in einem Sarg platziert wird, sind hierbei noch zwei der eher harmlosen Elemente, die VERSPRICH ES MIR zu bieten hat.

Dabei immer mit von der Partie ist eine reichlich makabere Filmmusik; die teils traditionell, teils völlig überdreht daherkommt – und den aberwitzigen filmischen Eindruck noch unterstützt. Wenngleich die Qualität der einzelnen Ideen teils heftigen Schwankungen ausgesetzt ist, gibt es neben einigen besonders positiven auch eine handvoll überflüssiger: wie etwa die des Mannes als lebendige Kanonenkugel oder die nur schwer verdauliche Darstellung einer übergewichtigen Mutter, die ihren Sohn mit Worten wie geh ins Haus Bastard, und iss gefälligst was abstraft. Glücklicherweise bilden diese eher die Ausnahme, und stehen zahlreichen gelungenen Ideen gegenüber. Die ersten Annäherungsversuche Tsane’s an seine Angebetete, der schräge Großvater der sein Haus und Dorf mit allerlei Geräten und Fallen ausgestattet hat, ein Fremder der eine Dorfschönheit mit irrem Blick und einem passablen Gitarrespiel beeindrucken und für sich gewinnen möchte… in diesen Momenten macht VERSPRICH ES MIR einen Heidenspaß, und ist dabei wesentlich witziger als so manch harmlose oder moralinsaure Hollwood-Komödie. Zum technischen Part von VERSPRICH ES MIR gibt es nicht viel zu sagen – es bewegt sich alles im grünen Bereich, mit Ausnahme der Musik – die noch einen draufsetzt und die spritzig-fröhliche Wirkung unterstreicht.

Fazit: VERSPRICH ES MIR ist ein reichlich ungewöhnlicher Film, der den Spagat zwischen einer vor Witz und Energie sprühenden Komödie, einer derben Kleinstadt-Gangstergeschichte und einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte wagt – und dabei überraschend gut abschneidet. Man hätte also beinahe von einem etwas anderen Meisterwerk sprechen können – beinahe. Denn nicht alle Ideen und inhaltlichen Wagnisse gehen auf, im Mittelteil entstehen trotz der allgemeinen Turbulenzen und des Tempos einige Längen; und auch der allgemeine Gewaltgrad hätte nicht so explizit ausfallen müssen. Bonuspunkte gibt es dagegen für das Finale, welches wohl eines der verrücktesten Enden der Filmgeschichte parat hält. So bleibt es bei einem serbischem Kleinod, welches vor allem Freunde des unkonventionellen ansprechen sollte.

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„Wahnwitzige, stilistisch verirrte Unterhaltung der extravaganten Art.“

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1 reply »

  1. „Crazy Balkan“ a la Emir Kusturica…so etwas wie die serbische/bosnische Antwort auf Pedro Almodóvar+Álex de la Iglesia. ^^ Schon etwas länger her das kleine Filmchen, aber ich habe ihn sehr positiv in Erinnerung, auch wenn ich mich nicht mehr an Einzelheiten erinnern kann, aber die Musik dudelt mir immer noch durch den Kopf. LOL

    7.5 / 10

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