Rezensionen: Filme

Filmkritik: „Das Wundersame Leben Des Timothy Green“ (2013)

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Originaltitel: The Odd Life Of Timothy Green
Regie: Peter Hedges
Mit: Jennifer Garner, Joel Edgerton, Cameron C.J. Adams u.a.
Land: USA
Laufzeit: 105 Minuten
FSK: Ab 6 freigegeben
Genre: Drama / Fantasy
Tags: Timothy Green | Pflanze | Junge | Eltern | Adoption | Erziehung | Liebe

Ein Pflanzenkind auf Abwegen.

Inhalt: Cindy (Jennifer Garner) und Jim (Joel Edgerton) wünschen sich nach langer und erfolgreicher Partnerschaft nichts sehnlicher als ein eigenes Kind. Nur so wäre ihr Familienglück komplett – doch offenbar können die beiden auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen. Völlig entmutigt über die neuesten Untersuchungsergebnisse hat Jim eine ungewöhnliche Idee, mit der er Cindy aufmuntern will. Und so setzen sich die beiden zusammen, und schreiben ihre Wunschvorstellungen von einem Kind auf kleine Notiz-Zettel, als stillen Wunsch ans Universum. Prompt werden die Zettel in eine Holzschatulle gepackt und im nahen Garten vergraben – bis es in einer Nacht plötzlich stürmisch wird. Obwohl es in der Gegend schon seit langem nicht mehr geregnet hat, schüttet es in jener Nacht wie aus Eimern – zumindest im näheren Umfeld des Hauses der beiden. Dann passiert das unglaubliche: offenbar aus dem Nichts erscheint ein kleiner, etwa 10-jähriger Junge, der sich dem überraschten Paar als Timothy vorstellt. Doch nicht nur das, er nennt die beiden von jetzt auf gleich Mama und Papa – und behauptet, an der absolut richtigen Adresse zu sein. Erst denkt das verdutzte Paar an einen bloßen Zufall – doch bei näherer Betrachtung des Gartens und Timothy selbst, an dessen Beinen frische Efeu-Blätter gedeihen, gibt es nur noch eine mögliche Lösung: es handelt sich um ein waschechtes Wunder.

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Kritik: Der neueste Streich aus dem Hause Disney ist DAS WUNDERSAME LEBEN DES TIMOTHY GREEN – die magische Geschichte eines kleinen Jungen, der einem völlig verzweifelten kinderlosen Paar als wahres Wunderkind erscheint. Als Regisseur und Drehbuchautor fungiert dabei Peter Hedges, der vor allem mit seinem Drehbuch zum Filmerfolg GILBERT GRAPE – IRGENDWO IN IOWA auf sich aufmerksam machte. Das war allerdings schon 1991 – seitdem hat man von ihm nicht mehr viel gehört, mit Ausnahme von ABOUT A BOY (ebenfalls Drehbuch) und der eher mittelmäßigen Komödie DAN – MITTEN IM LEBEN (als Regisseur). Seiner Aussage nach ist TIMOTHY GREEN ein lang gehegter Traum – endlich könnte er einen Film im Stile von ET machen; der gleichermaßen als Drama, Familienfilm und als leicht fantastisches Märchen durchgehen würde. Mit der großzügigen Unterstützung von Disney sicher kein Problem – doch die Frage ist, ob der Film tatsächlich das Zeug dazu hat, ein echter Klassiker zu werden. Ein Klassiker, der sowohl etwas fürs Herz, als auch inhaltliche Raffinessen zu bieten hat – was in der heutigen Zeit alles andere als selbstverständlich ist. Selbst in Anbetracht eines großen, prestigeträchtigen Namens wie Disney – die sich in der jüngsten Vergangenheit nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben, und sich vor allem aufgrund ihrer früheren Werke einen besonderen Platz im Herzen vieler Zuschauer gesichert haben.

Wie aber sieht es mit der jungen Kino-Generation aus ? TIMOTHY GREEN hat hier insofern einen Vorteil, als dass es sich endlich einmal wieder um einen Familienfilm handelt, der dieser Bezeichnung auch gerecht wird. Ganz unabhängig vom Alter des Zuschauers wird hier ein Szenario porträtiert, dass für jeden greifbar und nachvollziehbar ist. Die jüngeren werden sich vor allem am lockeren Charme des Films, dem komödiantischen Unterton und vor allem auch der coolen Art von Timothy Green, der offensichtlich ein wenig anders ist aber sich dennoch oder gerade deswegen nicht unterkriegen lässt; erfreuen. Die älteren dagegen werden die Geschichte der Eltern, inklusive des lang gehegten Kinderwunsches und der nunmehr (temporären) Erfüllung desselben begrüßen – und entsprechend mitfiebern und -mitfühlen; wenn nicht gar die ein oder andere Träne vergießen. Für alle Zuschauergruppen gleichermaßen wirksam ist dann sicherlich das große Finale – das mit Begriffen wie der Vergänglichkeit, dem Abschied, dem Loslassen und der Motivation spielt, und mit der schnellen Aufeinanderfolge einer großen Traurigkeit und einem frohen Neubeginn auf die große Berg- und Talfahrt des Lebens anspielt.

Bei aller Liebe ist der Film selbst jedoch weniger eine Berg- und Talfahrt, als man es hätte vermuten oder erwarten können. Vielmehr handelt es sich um eine relativ ruhige Fahrt auf einem gemäßigten Niveau – was vor allem an einer, nennen wir es übergeordneten Restriktion liegt. Es scheint fast so, als seien den Machern gewisse Auflagen gemacht worden, die eine möglichst große Gleichförmigkeit und politische Correctness sicherstellen sollten. Das ist zwar bei beinahe jedem größeren (und finanziell aufwendigerem) Projekt so, doch in diesem Fall ist es besonders auffällig. Neben der relativ handzahmen Handlung, die leider kaum emotionale Höhepunkte anzubieten vermag (mit Ausnahme des ersten Treffens und des Abschieds, versteht sich) gesellen sich so viel weniger neue und erfrischende Ideen hinzu als altbackene Klischees. Das hat zur Folge, das TIMOTHY GREEN weitaus weniger wie ein lang gehegter Lebenstraum eines Regisseurs wirkt, sondern vielmehr wie ein glattgeschliffener, möglichst nicht aneckender Hollywood-Blockbuster mit einer mittelgroßen Portion Herzschmerz.

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Doch es gibt noch zwei weitaus gravierende Probleme an und in TIMOTHY GREEN. Dass ein Disney-Film einstweilen etwas kitschig und aufgrund einer größeren Massenkompatibilität vereinfacht gehalten ist, darüber kann man noch hinwegsehen – nicht aber über die auffällige Unentschlossenheit der Macher, die offenbar nicht genau wussten wohin die Reise mit TIMOTHY GREEN genau gehen sollte. So hat der Film weitaus weniger magische Momente als vielleicht erwartet – und auch ganz allgemein fehlt ein gewisses Etwas; jenes Etwas, was Disney in früheren Jahren zu einer ganz besonderen und eigenständigen Filmfirma machte. Das wäre vielleicht gar kein so großes Problem – wäre da nicht die grundsätzliche Idee des Films, die nun einmal darauf basiert, dass ein Kind aufgrund reiner Liebe aus einem Garten erwächst. Es bleibt leider bei jener fantastischen Begebenheit – dazwischen schlägt der Film deutlich bodenständigere Töne an, und macht die augenscheinliche Magie schnell zum Alltag. Der (vermeintliche) Clou: gerade dann, wenn es am schönsten ist; muss das Pflanzenkind wieder entschwinden – warum, das wird indes nicht wirklich offenbart. Gerade jüngere Zuschauer sollten hier Probleme bekommen, das gezeigte einzuordnen und nachzuvollziehen.

Überhaupt fehlt in diesem Kontext die Darstellung eines Timothy, wie er selbst es im Film postuliert: eine, die ihn als Teil eines immer wiederkehrenden Kreislaufs darstellt. Eine; die ihn als Retter, Hoffnungsgeber und noch so vieles mehr hätte darstellen können. Das passiert zwar im Film – jedoch nur auf einer äußerst unterschwelligen Ebene. So verkommt er vielmehr zu einer Art Entscheidungshilfe für zwei Parteien: für die Eltern, die sich vergewissern ob sie wirklich geeignet sind ein Kind großzuziehen – und für das Adoptionsamt, dass aufgrund der Geschichte endlich einwilligt; warum auch immer. Immerhin ist gerade das leicht überraschend – das ein Amt so gespannt einer Geschichte wie dieser lauscht, und diese im Endeffekt noch zugunsten der Klienten auslegt, gehört schließlich auch schon in den Bereich der Phantasterei; und passt somit wieder bestens zum Grundtenor des Films. Die Idee, das Ganze aus einer Art Rückblende zu erzählen, ist an sich nicht verkehrt – doch in diesem Kontext verpufft sie, und rechtfertigt das tatsächliche Ende letztendlich mit plumpen Mitteln. So kommt, was kommen musste: TIMOTHY GREEN ist weder ein besonders magischer und / oder fantastischer Familienfilm, noch ein tief bewegendes Drama mit einer ausreichenden Anzahl von realitätsnahen Anhaltspunkten. Stattdessen wird vereinfacht und geglättet was das Zeug hält; und natürlich tief in die Klischeekiste gegriffen – sodass man sogar eine leidige Liebesgeschichte (zwischen Timothy und einem älteren Mädchen) über sich ergehen lassen muss. Sicher ist diese wunderbar unschuldig und charmant dargestellt, doch wäre es um ein vielfaches effektiver gewesen, Timothy stärker in der Interaktion mit seinen anderen, gleichaltrigen Mitmenschen zu zeigen.

Neben jener Unentschlossenheit, die dazu führt dass TIMOTHY GREEN schnell zu einem weder-noch-Film avanciert; ist das zweite große Problem schnell benannt. Hierbei geht es um die gesamte Charakter-Riege und damit einhergehend das Verhalten der beteiligten Figuren. Kurzum: selten hat man ein derart unglaubwürdiges Porträt erlebt; selbst wenn man den Film allein auf seine Fantasy-Komponente beschränken würde. Insbesondere die (plötzlichen) Eltern wirken oftmals starrer und gefühlskälter als sie es sein sollten; und Timothy wirkt für einen offensichtlich besonderen Jungen noch viel zu gewöhnlich. Das Ganze spitzt sich mehr und mehr zu, als Timothy lediglich zu einer Art Prestigeobjekt degradiert wird (als hoffnungsvolles Sport- und Musiktalent beispielsweise) – hier kommt die durch und durch amerikanische Machart so richtig zum Zuge. Dass jener kleine Junge wirklich von seinen neuen Eltern geliebt wird, davon ist im Grunde wenig zu sehen – man gibt sich distanziert, immer korrekt und emotional standhaft. Dabei scheint ohnehin beinahe egal zu sein, was auf der Leinwand geschieht – innerhalb weniger Minuten ist alles wieder vergessen, nichts hat Bestand; es gilt nichts zu hinterfragen.

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Selbst der technische und handwerkliche Part des Films ist im besten Fall mittelmäßig ausgefallen. Abgesehen von den viel zu gewollt wirkenden Darstellung der beiden Eltern, verkörpert von Jennifer Garner und Joel Edgerton; bleibt vor allem CJ ADAMS als bemerkenswertes Nachwuchstalent hoffnungslos unterfordert. Das ärgerliche: der Cast wirkt durch und durch sympathisch und ist selbst in den kleineren Nebenrollen perfekt besetzt, doch sieht das Drehbuch schlicht keine dringend benötigten Freiräume vor. Rein optisch hat TIMOTHY GREEN ebenfalls nicht viel zu bieten – bis auf ein paar amerikanische Vorstadtansichten und kurze Waldausflüge bleiben die Blätter an den Beinen von Timothy das einzige markante visuelle Highlight; sowie eventuell noch ein Wettereffekt zu Beginn (Regen, der plötzlich nach oben verschwindet). Das ist beileibe etwas zu wenig – zumal keine außergewöhnlichen Kamerafahrten, Perspektiven oder ganz generell ein kunstvoller oder verspielter Umgang mit der technischen Inszenierung verwirklicht werden. Die Erlebnisse von TIMOTHY GREEN werden so nicht nur inhaltlich, sondern auch rein visuell schnell zum unspektakulären Alltag. Letztendlich bleibt vieles am Soundtrack hängen, der viele Schlüssel-Szenen prägt und vor dem Verfall rettet – doch auch hier gilt: ähnliches hat man so schon zuhauf und vor allem besser gehört. Besonders markant wird dies am Ende des Films deutlich, wenn mit der Kamera über einen Laub-Baum geschwenkt wird. Im Gegensatz zu anderen Filmen, wo dem Zuschauer noch einmal Raum und Zeit gegeben werden soll das Gezeigte sacken zu lassen; ertönt hier der pompöse Soundtrack ohne dass man geneigt ist, großartige Reflexionen zuzulassen.

Fazit: TIMOTHY GREEN ist ein Film mit guten Voraussetzungen – so guten, dass es verdammt wehtut, das letztendlich filmische Ergebnis zu erleben. Was ein wenig wie eine moderne Version von KONRAD IN DER KONSERVENBÜCHSE hätte werden können, wird zu einem Disney-Blockbuster ohne Sinn und Verstand. Und vor allem, was selbst in Anbetracht der Umstände leicht überraschend ist: ohne Herz. Der ständige Griff in die Klischee-Kiste verhindert das Entstehen wirklich großer und echter Emotionen; man wird weder mit einer außergewöhnlichen Portion Magie konfrontiert, noch mit einem ansprechenden Drama. Der allgemein lockere Unterton und die wenigen komödiantischen Elemente dienen wenn überhaupt als Zierde – doch können sie allein keinen Film wie diesen stemmen. Überhaupt wirkt der Film alles andere als geistreich: erfrischende Ideen oder bemerkenswerte alleinstehende Szenen finden sich keine; vieles wird soweit es nur geht vereinfacht, glattgebügelt, und zu guter Letzt noch bis in den hintersten Winkel amerikanisiert. Das war wohl nichts – auch wenn geneigt ist, TIMOTHY GREEN mögen zu wollen; gelingt dies einfach nicht. Es sind der offensichtlichen Schwachpunkte zu viele.

40oo10

7 replies »

  1. …und dennoch hat er mir gefallen. Wahrscheinlich weil ich hin und wieder einer guten Portion Kitsch nicht abgeneigt bin. ^^ (trotz auffälliger Schwachpunkte bzgl. der Glaubwürdigkeit und des obligatorischen „boy meets girl“ Subplots) 6,5/10

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  2. Naja die geschmäcker sind halt verschieden.
    ich fand den Film eigentlich richtig gut. Gut es ist kein Film den ich mir 10 ma anschauen würde. aber ein 2. mal folgt bestimmt.

    Danny

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  3. Noch eine gute (will heißen, ehrliche und kritische) Video-Rezension auf Youtube:

    Genial: ich habe mir diese Kritik nicht vorher angesehen (wäre ja auch reichlich fatal), und doch stimmen wir absolut überein. Stichwort fehlendes Herz, Kitsch et cetera… es scheint, als seien die Schwachpunkte des Films wirklich welche, die man nicht so leicht übersieht.

    Leicht geflasht war ich nur, als es zur Wertung kam… habe ich mich etwa unbewusst vom Video beeinflussen lassen, bevor ich es zum ersten Mal sah ? Mysterien über Mysterien…^^

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