Rezensionen: Serien

TV-Kritik / Anime-Review: MUSHISHI

Typ: Anime-Serie (26-teilig)
Regie: Hiroshi Nagahama
Idee: Yuki Urushibara
Studio: Artland
Land: Japan
Genre: Abenteuer / Drama
Tags: Natur, Pflanzen, Lebewesen, Zwischenwelt, Mushi, Reisender

1 Die grüne Schale
2 Das Licht der Augenlider
3 Zarte Hörner
4 Kissenpfad
5 Der reisende Sumpf
6 Tautropfen trinkendes Feld
7 Wenn Regen fällt, entsteht ein Regenbogen
8 Von der Meeresgrenze
9 Schwere Ernte
10 Lebendes Weiß im Tintenstein
11 Schlafender Berg
12 Einäugiger Fisch
13 Eine-Nacht-Brücke
14 Im Käfig
15 Vorgetäuschter Frühling
16 Schlange der Morgendämmerung
17 Das Sammeln leerer Kokons
18 Das Gewand, das einen Berg trägt
19 Die Schnur am Himmel
20 Meer aus Geschriebenem
21 Baumwollsamen
22 Der Meeres-Schrein
23 Rostfarbene Stimme
24 Reise zum Leuchtfeuerfeld
25 Glückliches Auge, unglückliches Auge
26 Das Geräusch von Schritten im Gras

Und der Herr sprach… lasset Stille einkehren !

Inhalt: In der Landschaft eines altertümlichen Japan wandelt ein junger Reisender umher, der Ginko genannt wird. Er ist ein sogenannter MUSHISHI, der allerlei seltsame Phänomene beobachtet und sein Leben der Erforschung mysteriöser Lebensformen, der Mushi, widmet. Die Mushi sind Wesen, die weder pflanzlicher noch tierischer Natur, weder am Leben noch tot sind – sie existieren in einer Art Zwischenwelt, die nur von wenigen Menschen wahrgenommen werden kann. Dabei existieren sie an allen erdenklichen Orten, und bilden eine Ko-Existenz mit der Natur, den Tieren und den Menschen; oftmals ohne dass sie es wissen. Normalerweise leben alle so neben- und miteinander existierenden Wesen im Einklang, es ist ein stetes Geben und Nehmen – doch gerade wenn es um das Verhältnis von Mensch und Mushi geht, entstehen dabei oft unvorhersehbare Probleme. So können die Wesen, die in den unterschiedlichsten Formen und Arten erscheinen, für verschiedene Krankheiten und Konflikte verantwortlich sein, und den Menschen mitunter schwer zu schaffen machen. In solchen Fällen kommen dann die MUSHISHI ins Spiel – sie sind Experten auf dem Gebiet der Mushi, und sind bestrebt, die natürliche Balance zwischen allen Lebensformen wiederherzustellen.

Kritik: In der Tat handelt es sich bei MUSHISHI um eine der eher ungewöhnlichen Anime-Serien des neuen Jahrtausends. Jene, die sich vorab Informationen zur Serie eingeholt haben; aber auch jene, die sich völlig unvorbereitet an MUSHISHI wagen, werden es schnell feststellen: weder hat man es hier mit einem handelsüblichen Drama zu tun, noch mit einer gewöhnlichen Abenteuer-Serie. Auch wenn diese Begriffe in etwa das Genre, beschreiben, in dem sich MUSHISHI bewegt – doch grundsätzlich sprengt die Serie alle gängigen Konventionen und fungiert als stilles, philosophisches und absolute Grundlagen aufgreifendes Werk. MUSHISHI basiert auf einem Manga von Yuki Urushibara, und spielt mit der Darstellung der Lebensverhältnisse von Flora, Fauna, Menschen und – den titelgebenden Mushi. Wenn man so will, könnte man die Serie also als erweitertes Öko-Drama bezeichnen, ohne mit dieser Begrifflichkeit eine Abwertung vornehmen zu wollen. Neben den alltäglichen Sorgen der sehr traditionell und naturbezogen lebenden Menschen wird desöfteren auf einen ‚höheren Kontext‘ verwiesen, etwas; dass alle lebenden Wesen miteinander verbindet – die aufgeworfenen Fragen nach Aberglauben, Geistern und Göttern kommen also nicht von ungefähr. Die Mushi sind dabei das eigentliche Produkt einer äusserst innovativen, erfrischenden und inspirierenden Idee: als ‚Zwischenwesen‘ existieren sie im Einklang mit allen anderen, und bekannten Lebensformen, bringen in der Interaktion aber sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich.

MUSHISHI ist dabei streng episodisch aufgebaut – wobei das Wort ’streng‘ hier im absoluten Sinne zu verstehen ist. Als mitunter einziger Leitfaden dient der Hauptcharakter Ginko, der Mushi-Experte – von dieser Figur abgesehen kommen mit jeder Folge neue Phänomene, neue Charaktere, neue Umgebungen und neue Zusammenhänge ins Spiel. Diese Herangehensweise hat gleichermaßen Vor- wie auch Nachteile. So ist es beruhigend zu wissen, dass einzelne Geschichten nicht wie sonst typisch ‚ausgeschlachtet‘ werden und sich über mehrere Episoden ziehen; die in-sich-abgeschlossenen Geschichten wirken stimmig, sind spannend und geradezu malerisch erzählt. Verständlicherweise kommen so auch keine typischen ‚Cliffhanger‘ vor – ein weiterer ungewöhnlicher Aspekt, der Laune macht und sich MUSHISHI von der Masse an Animes abheben lässt. Doch eben dies hat zur Folge, dass MUSHISHI insgesamt relativ zusammenhanglos wirkt, die zeitlich versetzten und scheinbar wahllos aufeinander folgenden Episoden unterstützen diesen Eindruck. Wenngleich man zu Beginn noch hoffen konnte, dass zumindest Ginko eine nähere Charakterbeschreibung und -Entwicklung vorweisen könnte, so wird man auch hier enttäuscht: in einer jeden Episoden wandelt er auf ein neues umher, und trifft dabei scheinbar ‚zufällig‘ auf neue Gesichter, und wird derer Probleme mit den Mushi gewahr. Kleinere Versuche, dem Prinzip des absoluten Zufalls entgegenzuwirken, gehen dabei auch nicht wirklich auf: so bereist Ginko manche Orte mehrmals, und erkundigt sich nach Befinden der Bewohner; manche scheint er sogar schon eine längere Zeit zu kennen. An diesem Punkt hört es dann allerdings auch schon wieder auf: tiefer gehende Fragen darf man nicht stellen, die jeweiligen Hintergrundgeschichten bekommt man nicht oder nur äusserst eingeschränkt erzählt.

Wie also sollte man einen Anime wie MUSHISHI behandeln ? Gewiss ist das eine schwierige Frage. Dass gängige Konventionen ausgehebelt werden ist nur gut, richtig und angenehm ‚rebellisch‘ – doch eine fehlende Erzählstruktur, fehlende Hintergrundinformationen und ein absoluter Stillstand in der Charakterentwicklung Ginko’s wirken diesen positiven Aspekten stark entgegen; gleichen sie gar vollständig aus, mit einer leichten Tendenz nach unten. Es bleibt kein ‚großes Ganzes‘, welches man hinterfragen und beurteilen könnte – das Universum der Mushi bleibt schemenhaft, seltsam und nur sehr zaghaft behandelt. Die Serie weist zudem kaum einen Anfang oder ein Ende auf; lediglich eine einzelne Episode befasst sich mit einem Abschnitt aus Ginko’s Kindheit und bildet so einen potentiellen ‚Beginn‘ – doch der findet seltsamerweise in der Mitte, genauer gesagt in Episode 12 statt. Alle anderen Episoden sind als Einzelgeschichten wahrzunehmen – lässt man den fehlenden Kontext einmal aussen vor, so offenbart MUSHISHI letztendlich hier seine wahren, mannigfaltigen Stärken. Es ist schon erstaunlich, welche Ideen hier umgesetzt wurden – in jeder Folge tauchen neue Mushi auf, die auf die abenteuerlichste Weise mit anderen Wesen interagieren und die seltsamsten Erscheinungsformen haben. Doch im Grunde sind nicht die Mushi ‚Star‘ der Serie, sondern vielmehr die einzelnen Charaktere, respektive ihr jeweiliges Porträt. Mit viel Fingerspitzengefühl und ohne einen jeglichen Hang zum Voyeurismus oder zu Sensationen werden Einzelschicksale beleuchtet, die ans Herz gehen und mitreißen. Interessant ist, dass ein Großteil der involvierten Charaktere Kinder sind, beziehungsweise sich die Charakterporträts meist über einen gesamten Lebenszeitraum (und sogar darüber hinaus) erstrecken. In dieser vermeintlichen Stille liegt also die faszinierende Kraft von MUSHISHI – hier werden Menschen gezeigt, die angenehm menschlich dargestellt werden (was keine Selbstverständlichkeit in Animes ist) und ein jeder für sich versuchen, ein glückliches Leben zu führen.

All diese geschickt eingestreuten Elemente, die sich eben auch mit den ganz großen Fragen des Lebens beschäftigen, würden jedoch nur halb so gut wirken wäre da nicht der aussergewöhnliche handwerkliche Part. Der Serie wohnt eine tiefe stille, eine beruhigende Ausstrahlung inne, die gerade von den malerischen Zeichnungen der Landschaften unterstrichen wird. Ein dezenter, stellenweise wunderschöner und traditionell wirkender Soundtrack unterstützt diese Wirkung. Hektische Schnitte, actionreiche Intermezzi oder sonstige Ausbrüche‘ wird man nicht vorfinden, was gut ist – auch wenn man sich manchmal wünscht, dass der ein oder andere Moment doch etwas ‚herziger‘ hätte inszeniert werden können. Doch selbst Ginko ist stets die Ruhe in Person – und erlaubt sich keine deutlichen Gefühlsausbrüche. Diese Herangehensweise gehört schlicht zum Konzept der Serie – sicher werden hier gemischte Gefühle entstehen. Nicht ganz so gut gelungen sind indes die Zeichnungen der Charaktere – sie ähneln sich einstweilen stark, oftmals werden Gesichter nur schemenhaft dargestellt (das heisst, nur ‚leere‘ Gesichter), die Bandbreite an zeichnerisch übertragenen Emotionen hält sich dem Konzept der Serie gemäß stark in Grenzen. Doch die sagenhaften Hintergründe wissen diese kleineren Mankos schnell wieder auszugleichen – die Bilder sind schlicht atemberaubend, zumal einzelne Episoden in verschiedenen Farbtönen gehalten werden um differente Stimmungen entstehen zu lassen.

Fazit: MUSHISHI ist gewiss keine Serie für Jedermann. Es handelt sich um einen äusserst ruhig erzählten, stark Natur- und Grundlagenbezogenen Anime, der auf einer anderen Ebene unterhält als es normalerweise Gang und Gebe ist. Sollte man sich auf dieses Experiment einlassen, wird man zumindest mit einem so bisher noch nie dagewesenen Werk beglückt. Doch bei aller Liebe, letztendlich bleiben noch einige Wünsche offen. Besonders schade ist, dass die Serie keinen wirklich nachhaltigen Effekt erzeugen kann – da es sich vielmehr um vergleichsweise unspektakuläre Alltagsgeschichten handelt, kann keine rechte Faszination für das Mushi-Universum aufkommen – nur für die jeweiligen Einzelschicksale. Da die Mushi ohnehin wie eine alltägliche, ganz natürliche Erscheinung behandelt werden könnte man sich erdreisten und dieses Element einmal komplett gedanklich ausblenden – was bleibt, ist eine solide Anime-Serie; die vor allem in Sachen Bodenständigkeit und zeichnerischer Qualität punkten kann. Wer das spektakuläre, das unfassbare; das schier Kopfzerbrechen verursachende sucht ist hier definitiv falsch beraten – von Action-Freunden erst gar nicht zu sprechen. MUSHISHI rieselt einem leichten Schneefall gleich still und leise vor sich hin… wobei einige einzelne Flocken das Herz des Zuschauers erreichen; mit etwas grundlegendem, natürlichem, den Instinkt ansprechendem. Der Verstand, das unmittelbare Bewusstsein wird jedoch nur selten angehalten, sich zu regen – es sei denn, man strengt sich wirklich explizit an und begibt sich auf die Suche. Anhaltspunkte werden nämlich nur höchst selten präsentiert.


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„Zur Entspannung genau das richtige.“

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