Rezensionen: Serien

TV-Kritik / Anime-Review: GURREN LAGANN

Typ: Anime-Serie (27-teilig)
Originaltitel: Tengen Toppa Gurren Lagann
Studio: Aniplex, Gainax
Produktion: Takami Akai, Yasuhiro Takeda
Regie: Hiroyuki Imaishi
Land: Japan
Genre: Action / Komödie

Was glaubst Du eigentlich wer ich bin ?

 

Inhalt: Irgendwann in der fernen Zukunft leben die Menschen aus nicht direkt ersichtlichen Gründen in riesigen Höhlenkomplexen unter der Erde. Aber irgendeine Gefahr muss an der Oberfläche lauern – sonst hätten sich die Vorfahren der nun lebenden nicht zu einem solch einschränkenden Schritt entschieden. Denn auch hier haben die Menschen verständlicherweise mit Problemen zu kämpfen – wie Erdbeben, der Nahrungsversorgung und vor allem dem Drang der Menschen, doch noch an die Oberfläche zu gelangen. Auch Kamina ist ein solcher Mann voller Tatendrang – er glaubt fest daran, dass es dort oben eine Welt gibt die es wert ist zu erkunden, und so steckt er den eher schüchternen Waisenjungen Simon mit seiner Abenteuerlust an. Der erste ‚Ausbruchsversuch‘ scheitert, doch dann geht alles ganz schnell: nachdem Simon in einem frisch gegrabenen Höhlengang erst eine seltsam leuchtende Bohrspitze und eine Art Roboter mit Gesicht entdeckt hat, kracht bei einem weiteren Erdbeben die riesige Höhlendecke ein und ein riesiges Ungetüm stürzt in die Höhle hinein. Kamina kann einfach nicht anders, als sich dem Monster waghalsig in den Weg zu stellen und große Reden zu schwingen – aber dann taucht eine fremde Person, ein Mädchen namens Yoko auf und feuert auf die metallische Kreatur…

Kritik: Eine neue Anime-Serie, die unweigerlich mit dem Produktionsstudio GAINAX (unter anderem Neon Genesis Evangelion, Gunbuster) in Verbindung gebracht werden kann, und wie vorherige, längst zum Kult avancierte Titel auf die Zutaten Mechas, Shonen und Science Fiction setzt ? Eine Serie, die dazu noch ein großes Augenmerk auf eine intelligente Komik legt, und bereits von verschiedenen Anime-Fans und Rezensenten weltweit in hohen Tönen gelobt wurde ? In der Tat, das ist Gurren Lagann – eine Serie mit einer ungewöhnlichen Episodenanzahl (27), die doch eigentlich nur gut sein kann. Doch ist dem wirklich so, gerade im Vergleich mit älteren Mecha-Animes – oder sollte man sich vielleicht überhaupt nicht irgendwelchen Vergleichen hingeben und die Serie als das betrachten, was sie sein möchte – eine Neuerfindung des Genres nämlich ?

Und tatsächlich erfindet Gurren Lagann das Mecha-Genre ein stückweit neu – zumindest in Bezug auf die erfrischende Mischung aus Action und Comedy, untermalt von einer farbenfrohen, detail- und temporeichen Animation. Die besagte ‚Comedy‘ ist im Falle von Gurren Lagann übrigens keinesfalls als blosses Beiwerk zu verstehen – gerade die ersten Episoden besitzen enorme Anteile, und sorgen so für den ein oder anderen Lacher. Und dennoch ist sie eine weitläufige (und ernste) Sci-Fi-Grundgeschichte gebettet, die durch zahlreiche Actionsequenzen zum Leben erweckt wird. So kommt keine der beiden Seiten zu kurz: einerseits wird man als Zuschauer dazu aufgefordert das Schicksal der dargestellten Menschen einer Zukunftsvision zu hinterfragen und eine gewisse Anteilnahme zu entwickeln, andererseits gerät diese ‚Entdeckungsreise‘ zu einem Trip mit einem erheblichen Spaßfaktor. Dieser resultiert vor allem aus dem Porträt eines einzelnen Charakters – Kamina. Dieser junge Mann strotzt einfach so voller Tatendrang und Selbstbewusstsein, dass man als Zuschauer unweigerlich von seiner offensichtlichen Motivation mitgerissen wird. Und auch die zahlreichen, nicht selten ‚angestrengten‘ Dialoge, in die sich sowohl die japanischen als auch die deutschen Synchronsprecher ordentlich reingehangen haben, nerven zu keinem Zeitpunkt – sondern erhöhen den Reiz an der Serie zusätzlich.

Das Porträt des eigentlichen Hauptcharakters Simon dagegen kommt schon wesentlich typischer daher – typisch, sofern man bereits einige geläufige Shonen-Animes gesehen hat. Abermals handelt es sich um einen Waisenjungen, der zwar von einem gewissen Ehrgeiz besessen ist, ihn aber nicht in die ‚richtige‘ Richtung lenken kann und so auf einem relativ verlorenen und hoffnungslosen Posten steht. Bis er von Kamina, seinem Blutsbruder, immer wieder angestachelt und ‚beseelt‘ wird – und so nach und nach zum Titelhelden avancieren kann. So kommt es, dass ebenfalls typische Charakterattribuierungen ebenfalls vorkommen – natürlich ist auch Simon zu Beginn ein äusserst schüchterner, zurückhaltender und ängstlicher Bursche, bis er lernt seine Angst in ‚wahre Power‘ umzuwandeln. Diese wahre Power heisst im Falle von Gurren Lagann übrigens ‚Spiralenpower‘ – ein Begriff, der immer wieder auftauchen und letztendlich zu einem der Hauptelemente der Serie werden wird. Was aber ist diese ‚Spiralenpower‘ ? Aus Spoilergründen soll an dieser Stelle nicht zuviel verraten werden, jedoch kommt man, wenn man frech ist; nicht um vielleicht geläufigere Beschreibungen dieses Phänomens umher: man könnte sie auch als die Kraft des Geistes, des Herzens oder den ‚Katalysator der Menschheit‘, das was uns Menschen zu Menschen macht bezeichnen. Richtig – auch das hat man in anderen Serien (nicht nur dieser Art) schon des öfteren gesehen, und so erfindet Gurren Lagann zumindest in dieser Hinsicht (!) das Genre eben und leider nicht neu.

Zumal sich gerade in den späteren ‚epischen‘ Momenten ein echtes Problem der Serie abzeichnet: sie ist in diesen Momenten weder Fisch noch Fleisch, das heisst weder reine Actionkomödie noch faszinierende Science Fiction. Doch sie versucht, gerade diese beiden Einflüsse zu einem neuartigen Erlebnis zu verbinden – was allerdings nur bedingt gelingt. Zwar rücken die komödiantischen Aspekte im späteren Verlauf sinnigerweise vermehrt in den Hintergrund (was in Anbetracht der ‚epischen‘ Schlachten auch nicht anders auszumalen wäre), doch auch hier bleibt die Serie verdächtig oberflächlich; ja, wirkt geradezu infantil. Und auch wenn man diesen Eindruck besonders in den Momenten der ‚finalen Schlacht‘ gewinnen kann, bestätigt er sich gegebenenfalls rückwirkend. Das heisst, das im Grunde viele der Kämpfe und auch Charakterentwicklungen stark vereinfacht dargestellt werden, eben so, dass sich schon immer eine Lösung finden wird. Im Gegensatz zu anderen Serien dieses Schlags gerät diese ‚Vorhersagbarkeit‘ aber noch zusätzlich zu einem Ärgernis, da die vorgegebene Lösung grundsätzlich stets dieselbe ist, und so jeden noch so aussichtslosen Kampf zum ‚guten‘ wenden wird.

So fühlt man sich unweigerlich an Serien erinnert, die eher und offensichtlich an eine jüngere Zielgruppe (Teenager) gerichtet sind, und keine allzu weitreichende und allgemeine Wirkung entfalten können wie ein Meisterwerk im Stile von Neon Genesis Evangelion. Grundsätzlich besser für einen Vergleich würde sich jedoch die 6-teilige GAINAX-Serie Diebuster anbieten, der Nachfolger von Gunbuster – hier hat man es geschafft, eine gnadenlos epische Geschichte mit schier unglaublichen Momenten so abstrus und übertrieben zu präsentieren, dass man gar nicht anders kann als das Ganze mit einem freudigen Augenzwinkern zu betrachten. Und dennoch vermochten die Macher, eine gewisse Faszination beim Zuschauer auszulösen (für die Aspekte der Science Fiction) – bei Gunbuster natürlich noch weitaus auffälliger als bei Diebuster. Auch Gurren Lagann trägt Anteile dieser bestimmen GAINAXschen Übertreibung in sich, gerade in den späteren Folgen in denen es gen Weltraum geht – doch irgendein Aspekt trägt hier dazu bei, dass der Eindruck nicht ganz so augenzwinkernd-harmonisch herüberkommt. Es mag daran liegen, dass man dem Zuschauer nicht so viele Optionen offeriert wie bei eben genannten Vergleichsserien. Man kann die Comedy beispielsweise nicht von der Sci-Fi trennen, die Charakterentwicklungen nicht von der Action – Gurren Lagann besitzt im Grunde nur eine einzige (Erzähl-)Ebene, in der alle erdenklichen Elemente zu einem großen Ganzen zusammengeführt werden. Dies resultiert zwar in einer gewissen Geradlinigkeit und Klarheit (Verständnisfragen wird es kaum oder gar keine geben), aber eben auch in der bereits erwähnten Oberflächlichkeit.

Das Schicksal des Universums steht auf dem Spiel… ? Schwer zu glauben, wenn man zuvor rundenbasierte Kämpfe im Stile gewisser Anime-Serien speziell für Kinder gesehen und stets dieselbe vermeintlich ‚mysteriöse‘ Lösung für alle Probleme erlebt hat. Die Gratwanderung von einer seichten aber actionreichen Comedy hinein in epische Abgründe a’la Evangelion oder Diebuster gelingt Gurren Lagann einfach nicht. Oder zumindest nicht so gut – denn schließlich ist Gurren Lagann beileibe kein schlechter Anime. Gerade die ersten Episoden besitzen einen enormen Spaßfaktor, auch die Episoden nach einem (oder DEM) einschneidenden Ereignis eines Verlustes bieten genügend Unterhaltungspotential – erst ab dem Zeitsprung (von etwa 7 Jahren) wird es mehr und mehr ärgerlich. Was hier und unter der Ägide der ’neuen Regierung‘ alles geschieht, wirkt einfach viel zu unglaubwürdig und wenig nachvollziehbar, die noch anstehenden Kämpfe sind trotz des wahnwitzigen Schauplatzes viel zu schnell abgehandelt. Sicher hätte der Serie hier ein etwas ‚böseres‘ oder zumindest offeneres Ende gut getan – die beiden Seiten aus ‚gut‘ und ‚böse‘ werden hier zu vereinfacht und reduziert dargestellt.

Die Optik von Gurren Lagann ist im allgemeinen ein Genuss – hier regiert eine angenehme Mischung aus kindlicher Verspieltheit (Farben, Bewegungen, Überzeichnungen) und technischer Perfektion (lebendige Kämpfe, Details, Hintergründe). Stellenweise gibt es beeindruckende Schauspiele aus Hintergründen und stimmigen Lichtverhältnissen zu bestaunen, die späteren Episoden bieten durch eine ’neue Rasse‘ einen zusätzlichen optischen Reiz. Auch der Sound sowie die Musik wissen zu überzeugen – selbst die deutschen Synchronsprecher machen einen ausserordentlich guten Job, was auch heutzutage leider noch nicht immer der Fall ist. Bis auf eine kleine Merkwürdigkeit (die spätere Stimme des Heranwachsenden Gimmi – es waren doch nur 7 Jahre, oder ?) überzeugen hier alle Sprecher, allen voran der des energetisch auf- oder überladenen Kamina. Die Schnitte sind im großen und ganzen angenehm, auch wenn man nicht umherkommt der Serie eine gewisse Hektik zu unterstellen – stellenweise wird das Tempo doch enorm angezogen, gerade in den Kämpfen kann die Übersicht schon einmal verlorengehen. Die Intros und Outros sind dagegen wieder perfekt gewählt, und passen sowohl musikalisch als auch textlich-inhatlich perfekt zur Stimmung von Gurren Lagann.

Fazit: Gurren Lagann bietet eine ungewönliche Mischung aus Action, Comedy und Science Fiction – und ist dabei stets unterhaltsam, einen Begriff wie Langeweile kennen die Macher nicht. Jedoch machen sich beim näheren Betrachten der einzelnen Genre-Anleihen Schwächen bemerkbar, lediglich die Comedy-Elemente kann man unbehelligt im Raum stehen lassen (diese machen teilweise enorm Spaß !), zumal sie im späteren Verlauf nur noch äusserst wohl dosiert auftauchen. In Bezug auf die Action wurde eher nach dem Schema ‚Masse statt Klasse‘ vorgegangen, ständig rummst und kracht es, es wird sich in äusserst bunter Manier transformiert und bombardiert; die späteren Weltraumszenen enttäuschen eher als das sie wirklich begeistern. Die Elemente der eigentlich vielversprechenden Science Fiction in Gurren Lagann werden unglücklicherweise stark vereinfacht dargestellt und wirken somit reduziert, so kann weder ein nennenswerter ‚Aha-Effekt‘ auftauchen noch sich eine wirkliche Faszination für das ureigene Serien-Universum entwickeln. Am Ende heisst es eben doch immer ‚Spiralenpower vor’… vor allem anderen. Gurren Lagann ist die perfekte Serie für Zwischendurch und für alle, die mal wieder etwas Abwechslung der untypischen Art suchen – oder für alle, die sich gut unterhalten wissen, dabei aber nicht auf einen grundsätzlichen ernsten (aber eher karg behandelten) Story- und Charakterumriss verzichten möchten. Doch wer das wahrhaft aussergewöhnliche, das wahrhaft beeindruckende, das wahrhaft meisterliche Anime-Erlebnis sucht, der könnte enttäuscht werden. Sofern noch nicht geschehen sollten sich solche ‚Suchenden‘ lieber die früheren Sci-Fi Werke des Studios, Neon Genesis Evangelion, Gunbuster und Diebuster ansehen. Nichts desto trotz eine überdurchschnittliche Anime-Serie und eine (leicht eingeschränkte) Empfehlung.


70button

„Leicht verrückt und andersartig – aber mit einem hohen Unterhaltungswert.“

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