Rezensionen: Serien

TV-Kritik / Anime-Review: GUNBUSTER OVA

Typ: OVA (6-teilig)
Originaltitel: Toppu O Nerae !
Studio: Gainax
Idee & Regie: Hideaki Anno
Land: Japan
Genre: Science Fiction

Super… Inazuma… Kiiiiiiick !

 

Inhalt: In der nahen Zukunft – die Menschheit ist in Bezug auf den wissenschaftlichen und besonders den technischen Fortschritt nunmehr hoch entwickelt. Längst spielt sich das Leben nicht mehr nur auf dem Heimatplaneten Erde ab, sondern auch in den unendlichen Weiten des Weltalls – mit riesigen Raumschiffen und technischen Raffinessen wird jeder noch so entfernt erscheinende Ort schnell erreichbar. Doch all dies geschieht nicht zum Vergnügen oder zur Befriedigung der Entdeckerlust einiger weniger Auserwählte, sondern zur Verteidigung der menschlichen Rasse selbst: riesige, offenbar feindlich gesinnte Weltraumungeheuer haben der Menschheit den Krieg erklärt. Sie scheinen beinahe unbesiegbar, schon ob ihrer schieren Masse – doch die Menschen haben immerhin die Geheimwaffe Gunbuster in ihren Reihen. Im Jahre 2023 wird auch die junge und etwas unbeholfene Noriko Takaya auserwählt, an großen Projekt zur Verteidigung des Heimatplaneten mitzuwirken – nur weiss sie noch nichts davon, zumal ihre Fähigkeiten in Trainings-Kampfrobotern im Vergleich mit anderen eher hinterherhinken. Doch vielleicht ist es auch ihr besonderer Hintergrund, der sie an ein bestimmtes Schicksal bindet: sie ist die Tochter eines berühmten Admirals, der sich in einer der ersten Weltraumschlachten opferte. Durch seine Selbstaufopferung konnte ein gewisser Koichiro Ohta überleben – der Mann, der nun als ‚Coach‘ von Noriko fungiert. Zusammen mit Kazumi Amano sollen die beiden Mädchen die Buster Machine’s I und II steuern – doch erst einmal müssen sie sich an Bord der Exelion zurechtfinden, einem riesigen Kampfschiff der Menschen.

Kritik: Was ist Gunbuster doch für eine aussergewöhnliche Serie beziehungsweise OVA – und das in vielerlei Hinsicht. Als markantestes Merkmal sticht ohne Zweifel die Tatsache hervor, dass die gerade einmal 6 Teile a‘ 20 Minuten Laufzeit bis heute (2011) nichts von ihrer Faszinationskraft eingebüßt haben. Den Schöpfern hinter dieser OVA ist es also mehr als gelungen, ein zeitloses Werk abzuliefern – und das trotz offensichtlicher Alterseinbußen in Sachen Zeichnungs- und Animationsqualität. Besieht man die vollständige Liste der Beteiligten, wird (Kennern) auch schnell klar, warum: niemand geringerer als Hideaki Anno höchstselbst hat zu einem großen Teil dazu beigetragen, dass wir Gunbuster in genau dieser vorliegenden Form auf der Leinwand bewundern dürfen. Hideaki Anno ? Richtig – der Mann, der nur einige wenige Jahre nach der OVA zu Gunbuster seinen bahnbrechenden Erfolg mit der weltweit bekannten und beliebten Anime-Serie Neon Genesis Evangelion zelebrierte. Wenn man so will ist Gunbuster das erste Anime-Werk, bei dem der Altmeister erstmals eine etwas freiere Hand hatte als noch bei seinen Mitarbeiten an Nausicaä und Wings Of Honneamise. In der Tat – und so könnte Gunbuster vielleicht sogar als Grundstein für sein gesamtes Folgeschaffen betrachtet werden, das unter anderem aus Die Macht des Zaubersteins sowie (natürlich !) dem gesamten Neon Genesis Evangelion Franchise besteht, welches bis heute lebt und weiter gedeiht. Es lohnt sich also bereits aus dieser historisch-interessierten, nostalgischen Sicht; sich Gunbuster einmal zu Gemüte zu führen.

Weiterhin ist klar: Platz für Langeweile oder Leerlauf gibt es bei einer OVA-Gesamtspieldauer von etwa 120 Minuten nicht wirklich. Und dabei beginnt die erste Folge dann – zugegebenermaßen – erst doch recht seltsam. Nicht nur der Zeichenstil und die Animationsqualität wirken aus heutiger Sicht (verständlicherweise) etwas ‚altbacken‘ und zunächst gewöhnungsbedürftig, auch der Inhalt gestaltet sich zunächst unerwartet. Wir begleiten ein junges Mädchen während ihrer Erlebnisse im alltäglichen Schulleben, welches in dieser fiktiven Zukunft auch aus seltsam anmutenden Roboter-Trainingseinheiten besteht. So findet sie schnell ein Vorbild welches sie anhimmelt und zu der sie aufschaut (schließlich handelt es sich um eine Dame, die Dame, die bald darauf ihre Partnerin wird), und durch die harten Trainingseinheiten des ‚Coaches‘ kommt sie schnell zur Räson. Denn eigentlich erhält man als Zuschauer aufgrund der ersten Folge eher ein etwas… nerviges Porträt eines jungen Schulmädchens, welches nur allzu schnell in einen weinerlichen Ton verfällt und daneben nur wenige besondere Charaktermerkmale aufzuweisen scheint. Nur ihr Hintergrund ist ein interessanter, wenn natürlich auch tragischer: ihr Vater ist in einer Weltraumschlacht umgekommen beziehungsweise verschollen. Dies bringt einstweilen den nötigen ersten Unterton in das Geschehen, und soll später auch für das ein oder andere bewegende Porträt in Sachen ‚verzweifelter Hoffnung‘ dienen.

Hat man diese gewöhnungsbedürftige erste Episode allerdings hinter sich gelassen – dann beginnt sich langsam aber sicher das volle Story-Universum von Gunbuster, und damit auch das Potential der OVA, zu entfalten. Auf die (zeitgemäße, Anfang der 90’er Jahre) Optik und die recht überdrehten Sprecher (im japanischen O-Ton) wird man sich nun eingestellt haben, und quasi als ‚Belohnung‘ bekommt man nun prompt einen markanten Stimmungs- und Richtungswechsel präsentiert. Während das Genre ‚Sci-Fi‘ in der ersten Folge nur ansatzweise ersichtlich wurde, gerät es nun immer mehr in den Fokus und sorgt für eine wohlige Atmosphäre. Neben dem erst recht simpel anmutendem Setting offenbart sich nun also eine weitere, weitaus komplexere Ebene, die einstweilen schon für das berühmte ‚Mindfuck‘-Gefühl sorgen kann, welches in Neon Genesis Evangelion – neben den intensiven Charakterporträts Gang und Gebe ist. So sieht man sich als Zuschauer immer wieder mit Einstreuungen überaus interessante rund komplexer Themen konfrontiert, die insgeheim als Grundlage für Gunbuster dienen: Aspekte wie das Reisen mit Lichtgeschwindigkeit und die damit einhergehende Zeitdilatation werden ebenso behandelt wie das Denken in wahrlich atemberaubenden Dimensionen angeregt wird. Sei es die Anzahl der feindlichen Schiffe, die Größe der Kampfroboter und Mutterschiffe, sowie zuletzt besonders die der Buster Machine 3 – in Gunbuster pokert man ausschließlich mit den höchsten Karten. Eine Herangehensweise, die zweifelsohne funktioniert, und für ein wohliges Gänmsehautgefühl sorgen kann wenn man sich auf das Setting einlässt.

Da ist es schon beinahe etwas schade, dass es gerade wenn man sich so richtig eingelebt hat im Gunbuster-Universum, auch schon wieder vorbei ist mit der sagenhaften Geschichte – das Credo lautete hier ohne Zweifel mehr denn je ‚kurz und knackig‘. So wird ein jegliches Anbahnen von Leerlauf vermieden, was definitiv auf der Positivseite zu verbuchen ist – wichtige Hintergrundinformationen oder Erklärungen haben so aber kaum Platz, und werden entweder nur sehr seicht angeschnitten oder gar nicht behandelt. Wer also eine OVA erwartet, in dessen Universum man so richtig und vollends einsteigen kann könnte enttäuscht werden – da die 6 Teile allein schlicht zu wenig ‚Input‘ bieten. Und dennoch regt das Gezeigte die Fantasie an, sowie auch die Lust zu Nachforschungen: durch das geschickte einbringen von großen Namen oder Themen der Physik (Schwarze Löcher, Schwarzschildradius) oder Kopfzerbrecher-Themen wie das der Zeitdilatation bietet sich so interessierten noch immer ein kleiner mit der OVA einhergehender Mikrokosmos, der – Interesse, Lust und Zeit vorausgesetzt – schnell für die ein oder andere nachdenkliche Minute sorgen kann. Dass diese Form von ‚intelligenten‘ Animes, die eher geschickt Hinweise geben als jegliche Erklärungen auf dem Silbertablett darbieten, sich eher großer Beleibtheit erfreuen als allzu seichte – dass sollte Hideaki Anno Jahre später ohnehin noch beweisen.

Doch zurück zur OVA und zur Rezension. Eine nur 6-teilige OVA wie Gunbuster adäquat zu bewerten, ist sicherlich keine leichte Aufgabe, da sie sich so gut wie jeder üblichen Bewertungsgrundlage entzieht – es schließt sich der Kreis zur im ersten Satz der Kritik erwähnten Außergewöhnlichkeit. Zur einerseits komplexen, aber eben doch recht knapp behandelten Story kommt erschwerend hinzu, dass die Episoden sich untereinander ebenfalls stark unterscheiden. So ist die erste – wie bereits erwähnt – eher als Startepisode zu sehen, die sich nicht großartig von denen anderer Serien abheben kann und zudem noch etwas makaber wirkt – als Stichwort seien hier joggende und Liegestütze-absolvierende Kampfroboter auf einem Sportplatz erwähnt. Die darauffolgenden beschäftigen sich dann eher mit dem Innenleben von Noriko, zeigen ihre Ängste und Wünsche auf und behandeln gar ihre erste (tragische) Liebe. Die finale Episode setzt neben den überdimensionierten Elementen noch im stilistischen Sinne eins drauf – sie ist komplett in schwarz weiss gehalten. Das ist merkwürdig, in der Tat – immerhin bleibt sie noch aus weiteren Gründen im Gedächtnis. Die anderen 5 Episoden bieten eine grundsolide Optik, die vor allem mit den charmanten Darstellungen des Weltalls, den Raumschiffen und den Weltraum-Monstern punkten kann. Soundeffekte und Musik bewegen sich auf einem mehr als annehmbaren Niveau, auch wenn in dieser Hinsicht noch kein Meilenstein a’la Evangelion kreiert wurde. Doch sieht man das Ganze als Grundlage für eben diese Serie, und zudem noch durch eine etwas gemilderte Krtiker-Brille mit Altersbonus – so sollte man letztendlich doch und in fast allen Belangen den Hut vor Herrn Anno (und seinen Kollegen) ziehen.

Fazit: Gunbuster ist keine perfekte OVA, aber eine für die Geschichte des Animes unglaublich wichtige. Sucht man bei anderen Werken oftmals vergeblich nach einer Existenzberechtigung, so könnte man in diesem Fall (den Inhalt und die Qualität nur einmal hypothetisch beiseite gelassen) für einen Grund- und Meilenstein für das Produktionsstudio Gainax und insbesondere Hideaki Anno sprechen – wer weiss schon, wie die Anime-Welt ausgesehen hätte, hätte es Gunbuster nie gegeben. Doch auch der Inhalt der OVA braucht sich nicht hinter diesem hehren Nostalgie-Bonus zu verstecken. Die Geschichte fasziniert, und punktet sowohl im Drama- als auch Sci-Fi-Bereich. In der Kürze liegt die Würze… besonders wenn ein gewisser Herr Anno das Gericht serviert. Und das ist auch nach guten 22 Jahren noch nicht abgelaufen. Guten Appetit !


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„Gänsehaut garantiert.“

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