Rezensionen: Serien

TV-Kritik / Anime-Review: SERIAL EXPERIMENTS LAIN

Typ: Anime-Serie (13-teilig)
Originaltitel: Serial Experiments Lain (international gleich)
Produktion: Yasuyuki Ueda
Idee: Yoshitoshi ABe – Chiaki J. Konaka
Land: Japan
Genre: Science Fiction, Cyberpunk, Experimental, Drama

Die Liste der Episoden (Originaltitel, hier als „Layer“ bezeichnet):

Layer 01: Weird
Layer 02: Girls
Layer 03: Psyche
Layer 04: Religion
Layer 05: Distortion
Layer 06: Kids
Layer 07: Society
Layer 08: Rumors
Layer 09: Protocol
Layer 10: Love
Layer 11: Infornography
Layer 12: Landscape
Layer 13: Ego

Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Inhalt: Die japanische Schülerin Lain Iwakura ist 13 Jahre alt, und allgemein als ein eher schüchternes und zurückhaltendes Mädchen bekannt. Sie  lebt mit ihrer Familie, die neben ihren Eltern noch aus einer Schwester namens Mika besteht, in einem Vorort von Tokio. Auf den ersten Blick scheint sie ein relativ gewöhnliches Familienleben zu führen, doch schon sehr bald wird klar, dass irgendein seltsames Geheimnis über ihr, ihrer Familie und vielleicht sogar allen anderen Menschen in der Stadt zu schweben scheint. Die Ereignisse spitzen sich zu, als ein Mädchen aus einer Nachbarklasse Selbstmord begeht – woraufhin Lain und viele andere Mädchen ihres Alters rätselhafte E-Mails erhalten. Diese E-Mail stammen nämlich angeblich von Chisa selbst, dem Mädchen, welches eindeutig bei ihrem Sprung von einem Hochhaus umgekommen ist. Von einigen als makaberer Scherz abgetan, will Lain der Sache nun auf den Grund gehen – wobei ihr ihre neu entfachte Passion für Computer und die Wired, eine Art Internet, zugute kommt. Diese virtuelle Welt ist mitunter zu einer mit der Realität vergleichbaren Parallelwelt avanciert, in der sich Lain als einige der wenigen völlig frei bewegen kann. Diesen „vollen Zugang“ erhält sie durch einen ihr zugespielten Psyche-Chip, der offenbar die Gehirnströme des Menschen an die der Wired anpasst. Doch Lain ist, auch wenn sie über besondere Kräfte zu verfügen scheint, niemals allein in der Wired. Hier tummeln sich allerhand zwielichtige Gestalten – mal sind es engagierte Hacker, mal normale User, und irgendjemand oder irgendetwas behauptet sogar, der „Gott“ dieser Parallelwelt zu sein. Bald schon stellt sich heraus, dass dieser „Gott“ irgendwie mit dem Selbstmord der Schülerin in Verbindung stehen muss, und auch ein spezielles Interesse für Lain hegt.

Kritik: Gestatten – Serial Experiments Lain ist eine der etwas… spezielleren Anime-Serien des 20sten Jahrhunderts. Und das sicherlich in vielerlei Hinsicht, was es einem Rezensenten unmöglich machen sollte, „mal eben“ eine Serienkritik aus dem Ärmel zu schütteln. Es sollte zumindest so sein, es muss aber auch nicht: bei Lain kommt es wie bei manch anderen (insgesamt aber sicher eher wenigen) Animeserien darauf an, wie sehr man sich auf die Thematik einlässt. Oder, anders gesagt: wie sehr man bereits ist, in das ganz eigene Lain-Universum einzusteigen respektive abzudriften. Denn eines ist klar: Einsteigerfreundlichkeit, Oberflächlichkeit oder Bedeutungslosigkeit sind Begriffe, die die Macher dieses Animes (zum Glück) nicht kennen. Auch explizite Erläuterungen oder ein gänzlich aufklärendes Ende sollte man nicht erwarten, vieles wird zwar angedeutet – doch letztendlich wird der Zuschauer dazu aufgefordert, sich seine eigene Interpretationen zu formen. Und, welch Überraschung: diese Herangehensweise, diese Schnitzeljagd weniger nach der als nach einer möglichen Wahrheit – stellt sich als wahrer, tiefenpsychologischer Geniestreich heraus. So mancher Anime-Fan wird ganz so schön an dieser Serie zu knabbern haben, und auch Zuschauer die ansonsten nicht viel mit Serien dieser Machart zu tun haben, werden – sofern sie sich wie bereits geschrieben auf den Inhalt einlassen – begeistert sein ob der inhaltlichen Tiefe. Und all dies, wohlgemerkt, bei einer Gesamtepisodenanzahl von gerade einmal 13 Folgen. Gerade diese Zielgruppe wird allerdings noch mit einer weiteren Form des sich-Einlassens konfrontiert werden: die Rede ist von der ungewöhnlichen Optik, den herausragenden Charakterporträts und dem Soundtrack.

In der Tat weiss Serial Experiments Lain diese generellen Nicht-Animefans vielleicht sogar abzuschrecken; vor allem in den ersten Momenten, in denen der Inhalt noch absolut unersichtlich erscheint. Dies beginnt mit dem grundsätzlich eher simpel gehaltenen Intro (das Outro kann man ebenfalls im gleichen Atemzug nennen), welches von einem – realtiv – nichtssagenden, oder nennen wir es zumindest stark lethargischen Soundtrack untermalt ist. Danach geht es über in die für damalige TV-Verhältnisse zwar gute Animations- und Bildqualität – doch die Macher der Serie setzen in diesem Fall auf recht spezielle Eigentümlichkeiten / Einzigartigkeiten (je nachdem). So tauchen viele Elemente mehrmals auf, und das innerhalb einer einzigen Folge. Die ersten Szenen, die „nach“ dem Intro kommen beispielsweise finden sich zu Beginn jeder Folge – nur die akustischen Botschaften sind jeweils andere. Ansonsten wird man sich schnell an das Aufkommen von Strom-Masten und – Netzen aller Art gewöhnen müssen (mit entsprechendem Summ-Geräusch), sowie auch den oftmals gleichen (oder sich zumindest ähnelnden) Räumlichkeiten und Umgebungen. Gerade diese scheinen des öfteren zu verschwimmen (mal mit dem Nichts, mal mit der Cyberwelt, der Wired) – eine spezielle optische Technik, die zumindest gewöhnungsbedürftig erscheint. Die Computer (hier: Navis) wirken dagegen relativ zeitlos und altersgemäß gestaltet, gerade die merkwürdigen virtuellen Welten und die Bedienoberflächen haben einen ausserordentlichen Charme. Sei es drum, diese ersten „Hürden“ gilt es zu überwinden – was sich definitiv lohnt, denn alsbald wird man als Zuschauer bemerken, dass all diese Elemente nicht zufällig genau so inszeniert werden. Im Gegenteil, alles hat eine Bedeutung; oder auch eine beabsichtigte Wirkung. Wobei man festhalten muss, dass Anime-Fans sich weitaus schneller an diese Vorgehensweise gewöhnen werden, als „Laien“ im Genre.

Warum in dieser Rezension überhaupt so explizit auf Nicht-Fans des Genres eingegangen wird ? Nun, dies wird letztendlich keine Rolle in Bezug auf die finale Wertungsvergabe spielen, doch wirklich gute Anime-Serien sollten es vermögen, selbst derartige „Zweifler“ an dieses einzigartige Genre heranzuführen. Dies könnte beispielsweise gelingen indem Interessen geweckt werden, lang erwartete Themen die in Realfilmen vielleicht nicht vorgekommen sind gerade hier behandelt werden, die technischen und erzählerischen Möglichkeiten schlichtweg begeistern. Neon Genesis Evangelion ist hier (sowohl in Form der ursprünglichen Serie als auch den Neuverfilmungen) ein gutes (und dem Autor beinahe heiliges) Beispiel, welches nicht nur für diesen Vergleich herhalten muss. Sowohl Lain als auch Evangelion kommen nämlich mit einer expliziten und überaus ausführlichen Behandlungen einiger Themen aus der Psychologie daher, und spielen ebenso gleichermaßen auf irgendeine Art „höhere Macht“ oder höheres, allmächtiges Wesen an. Dies hat mindestens zwei Aspekte zur Folge: oberflächlich (und schon gar nicht auf Anhieb / in ihrer Gänze verständlich) sind beide Animes nicht, doch gerade das macht sie so interessant. Wer sich – ob nun Anime-Kenner oder nicht – einfach nur sanft „berieseln“ lassen möchte, sollte unbedingt zu anderen Serien greifen und einen großen Bogen um Serial Experiments Lain machen. Dies gilt ebenso für möglicherweise zu junge Zuschauer – manche empfehlen die Serie ab 16, einige sogar erst ab 18; andere sprechen von einer gewissen geistigen Reife als „Mindestanforderung“. Dies kann und sollte man direkt so unterstreichen, nicht nur da Lain ausserordentlich komplex und vielschichtig ist – sondern auch, weil man die Gesamtwirkung der Serie mitunter als ein wenig „depressiv“ bezeichnen könnte.

Im Gegensatz zu Serien wie Ergo Proxy folgert dies aber nicht aus einer allgemeinen Düsterkeit, desolaten Szenerien oder einer gewissen beabsichtigten Monotonie – nein, es sind vielmehr die Charakterporträts die dafür verantwortlich sind. Diese sind – trotz einer Gesamtspielzeit von ungefähr 260 Minuten – ausserordentlich komplex und vielschichtig gehalten. Das Hauptaugenmerk gilt dabei vornehmlich Lain, was auch gut ist – einige der anderen „Nebencharaktere“ verblassen dabei aber mitunter, deren Motivationen bleiben oftmals schleierhaft. Was genau beispielsweise mit der Schwester von Lain geschah, kann wohl niemand so genau sagen – merkwürdig ist nur, dass sich offenbar niemand daran störte; zumindest wurde dergleichen nicht gezeigt. Immerhin wird gegen Ende hin dann doch noch einiges aufgelöst – einiges, das ist ein wichtiges Stichwort. Denn die ganz großen Fragen, vorausgesetzt man kann sie überhaupt formulieren – bleiben offen. Aber: es macht Spaß, die hier gezeigten Dinge als Denkanstoß zu nehmen und sich eine eigene „Lösung“ für das große Lain-Rätsel zu suchen, oder es zumindest zu probieren. Noch besser und schlüssiger gelingt dies, und auch das ist eher selten – wenn man sich auch über den Kontext der Serie hinaus mit einigen behandelten Themen auseinandersetzt. Stichwörter werden zuhauf in den Raum geworfen – und tatsächlich wird man etwas schlauer, wenn man sich einmal über Dinge wie die Schumann-Resonanz oder Memex (ohne spoilern zu wollen) informiert. Natürlich muss man dafür einiges an Zeit und Motivation mitbringen, doch auch dies macht ausserordentlich gute Serien aus – sie wissen es, auch über die blosse Spieldauer hinaus zu faszinieren und den Zuschauer zu beschäftigen, er will einfach „mehr“ wissen. Positive Lerneffekte, wie eine Verbesserung des Allgemeinwissens, sind dabei natürlich nicht ausgeschlossen, im Gegenteil.

Fazit: Tief, tiefer, am tiefsten – welcher nun genau der komplexeste, am besten durchdachte oder auch „schwierigste“ Anime aller Zeiten ist, ist schwer zu sagen. Doch mit Sicherheit ist Serial Experiments Lain einer von ihnen, wie auch Neon Genesis Evangelion. Der einzige Unterschied ist, dass Lain bereits mit 13 Episoden für reichlich Kopfzerbrechen sorgen kann – wohl allerdings auch nur, weil einige der Folgen eine beinahe surreale Komplexität aufweisen wie das Staffelfinale von Evangelion. Eben dies gerät auch zum mitunter einzigen wirklich Nachteil der Serie: eine „normale“ Ebene, eine Bezugsebene auf der man sich als Zuschauer zumindest teilweise wiederfindet, scheint völlig abhanden gekommen zu sein. Auch die vermeintliche „Realität“ wird in Frage gestellt, Grenzen verschwimmen, die noch am „gesündesten“ und normalsten wirkenden Charaktere, wie eine Schulfreundin von Lain, haben nicht viel zu melden. Was nicht heissen soll, dass sie nicht ebenfalls von enormer Bedeutung sind… lasset das Kopfzerbrechen und den Interpretationswahn beginnen ! Serial Experiments Lain ist ähnlich gut (und ähnlich schwer zugänglich) wie Ergo Proxy, spart sich die wahnwitzigen Enthüllungen aber nicht bis zur letzten Folge auf. Eine ähnliche, nein; die gleiche Bewertung ist daher angesagt. Für weitere Theorien / Interpretationen wird empfohlen, sich mal auf dieser Seite (englisch) umzuschauen.


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„Eine der besten Storys überhaupt – aber eine eher schwache Inszenierung.“

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