Rezensionen: Serien

TV-Kritik / Anime-Review: ERGO PROXY

Typ: Anime-Serie
Produktionsland: Japan
Episodenanzahl: 23
Länge pro Folge: 26 Minuten
Genre: Sci-Fi / Mystery / Cyberpunk / Thriller

01 –  Awakening
02 – Confession
03 – Maze City
04 – Futu-risk
05 –  Tasogare
06 – Domecoming
07 – RE-L124C41+
08 – Shining Sign
09 – Angel’s Share
10 – Cytotropism
11 – Anamunesisu
12 – Hideout
13 – Wrong Way Home
14 – Ophelia
15 – Who Wants To Be In Jeopardy!
16 – Busy Doing Nothing
17 – Terra Incognita
18 – Life After God
19 – Eternal Smile
20 – Goodbye Vincent
21 – Shampoo Planet
22 – Bilbul
23 – Deus Ex Machina

Inhalt: Das Setting von Ergo Proxy liegt in einer futuristischen Welt, die stark unter den Folgen einer globalen Umweltkatastrophe leidet. Aus diesem Grund wurden gigantische Kuppelstädte geschaffen, in denen die Menschen überleben können – Die Stadt Romdeau ist eine von ihnen. Jedoch leben die Menschen hier nicht alleine, ein jeder Bürger bekommt einen sogenannten Autoreiv an seine Seite gestellt. Autoreivs sind roboterartige Wesen, die in ihrer Erscheinung den Menschen ähneln – manchmal mehr, manchmal weniger. So sollen diese Maschinen das Überleben der Menschen sichern und vereinfachen, und im Zuge des totalitären Systems ebenfalls dafür sorgen, dass alles in geordneten Bahnen verläuft. Doch es scheint, als gäbe es eine ernstzunehmende neue Bedrohung: ein neuartiges Virus, Cogito genannt (Cogito Ergo Sum), zeichnet sich dafür verantwortlich, dass die Autoreivs eine den Menschen ähnliche Seele entwickeln. Dies war jedoch niemals so beabsichtigt, weshalb die Infizierten nunmehr jejagt und vernichtet werden.

Vincent Law ist einer dieser Agenten, der die infizierten jagen soll – er ist ein Immigrant aus einer anderen Kuppelstadt namens Mosk. Bald lernt er Re-l Mayer kennen, die im Auftrag des Sicherheitsdienstes arbeitet. Doch im gleichen Zuge häufen sich rätselhafte Morde an Bürgern, die offenbar nicht von den infizierten Autoreivs begangen werden. Könnte dies etwas mit den rätselhaften Proxys zu tun haben – seltsamen Wesen, an denen die Regierung Experimente durchführt ? Es scheint, als würden die Verantwortlichen auf der Suche nach etwas besonderem sein, was mit den Proxys zu hat – wollen sie die Unsterblichkeit erlangen ? Es liegt nahe, da die Proxys über aussergewöhnliche Fähigkeiten zu verfügen scheinen. Und Vincent Law scheint letztendlich auch nicht der zu sein, der er zu sein vorgibt… er hat eine besondere Verbindung und Vergangenheit zu den Proxys.

Ergo Proxy ist ein enorm düsterer, mystischer Anime

Kritik: Es sind unzählige Fragen, die den geneigten Ergo Proxy-Zuschauer beschäftigen – vor allem während des Ansehens, aber auch noch danach. Ergo Proxy ist eine der wohl bedrückendsten, ernsthaftesten, düstersten Serien die es im Anime-Bereich gibt. Da erscheint es einstweilen etwas merkwürdig und befremdlich, dass es mindestens drei Aspekte gibt, die die Serie stimmungstechnisch auflockern. Zum einen wären das die offensichtlichen, beabsichtigten Aspekte: so wurde mit dem Autoreiv Pino ein sehr fröhlicher (Maschinen-)Charakter geschaffen, der von der Gestaltung und vom Verhalten her locker in einen Comedy-Anime gepasst hätte. Weiterhin gibt es mit den Episoden 15 und 19 der Serie zwei Folgen, die absolut aus dem sonst so düsteren Rahmen fallen: einmal handelt es sich um eine makabere, bunte Quiz-Show-Episode, und in Folge 19 bewegt man sich hauptsächlich in einer Art freudigem Vergnügungspark.

Und dann wären da noch die versteckteren Aspekte, hauptsächlich verkörpert durch entstehende Fragen des Zuschauers, bei denen man nicht weiss, ob es sich nun um ein Versehen, einen Zufall oder knallhartes Kalkül handelt. Warum hat Hauptcharakter Vincent Law beispielsweise seine Augen in unzähligen Szenen geschlossen ? Ein höchst merkwürdiges Stilmittel, welches zwar einen erkennbaren Sinn und Nutzen hat (die unterschiedlichen Emotions- und Geisteszustände) – aber dennoch ein wenig makaber wirkt. Oder, die sich automatisch ergebende Frage nach dem Geschlecht von Dr. Daedalus – keine essentielle Angelegenheit hinsichtlich der Interpretation der Serie, aber wieder so ein kleines, merkwürdiges Detail. Wie viele wohl annehmen, dass Dr. Deadalus eine Frau ist – bis letztendlich doch noch von einem „er“ (dann wohl einem sehr jungen) gesprochen wird ? Und warum ist in der Welt von Ergo Proxy alles so verdammt dunkel und düster ? Eine Erklärung dafür wird zwar geliefert, aber in verhältnismäßig vielen Szenen fällt es wahrlich schwer, den Ereignissen zu folgen – whrend die Charaktere offenbar keinerlei Probleme mit den (eigentlich furchteinflößenden) Lichtverhältnissen haben. Und genau das führt wieder zu eigentlich recht makaberen Fragestellungen, bei denen man nicht weiss, ob sie eine Bedeutung für die Serie im Gesamten haben: hat die Evolution dafür gesorgt, dass die Menschen (vor allem die „Aussenweltler“) besser mit Tageslichtmangel umgehen können ? Handelt es sich hier lediglich um ein weiteres, offensichtliches Stilmittel, welches die bedrohliche Grundsituation unterstreichen soll ? Oder handelt es sich um einen zu tiefen Griff in die Stilmittelkiste, welcher dafür gesorgt hat, dass die Optik im Gesamten zwar gut ausgearbeitet erscheint, aber letztendlich völlig in der (unspektakulären) Schwärze untergeht ?

Jedoch, kommt man zum Kern der Geschichte; wird schnell eines ersichtlich: Ergo Proxy ist ein in sich verschachteltes, höchst niveauvolles Meisterwerk. Nichts ist so, wie es scheint – das Ganze entwickelt sich von einem Thriller rasch zu einem Sci-Fi-Mystery-Epos allererste Güteklasse. Oder, sollte man das „rasch“ etwa streichen ? Denn man muss zugeben, dass es einstweilen eher gegenteilig wirkt. Während sich die ersten Episoden (ca. 1-4) noch tadellos dazu eignen, den Zuschauer auf das erst befremdlich wirkende Setting einzustimmen, kann sich danach eine gewisse Monotonie einstellen. Gerade die mittleren Folgen (ca. 5-14) unterscheiden sich rein stilistisch kaum voneinander, von einigen Ausnahmen einmal abgesehen. Es wird die sogenannte Aussenwelt porträtiert, die – das wird man noch zur Genüge gezeigt bekommen – hoffnungslos und verloren erscheint. Und noch viel, viel dunkler. Das ist eines der großen Probleme von Ergo Proxy: zwar wirkt die Optik insgesamt stimmig und fördert das Entstehen der beabsichtigten Stimmung (Bedrücktheit, Verzweifelung) – doch gerade die Hintergründe fallen recht einseitig und unspektakulär aus. Sofern man sie denn erkennen kann – viele Szenen wirken tatsächlich absolut Pechschwarz. So kommt es, dass auch die Charakterzeichnungen manchmal merkwürdig „entstellt“ wirken – besonders auffällig ist das bei Vincent oder Pino, die manchmal einfach nicht wie „sie selbst“ aussehen. Ob blosse Nachlässigkeit oder Stilmittel – in jedem Fall tut es der Serie nicht besonders gut. All dies wäre sicherlich nicht so schwerwiegend, würde die Episodenzahl nicht dagegensprechen: mit 23 Episoden ist der Anime zwar nicht besonders ausführlich, aber auch keine Schnellkost für Zwischendurch.

So könnte man sich das höchst düstere, größtenteils depressive Setting in einem kürzeren Umfang besser vorstellen (beispielsweise bei 13 Episoden) – doch bei 23 Episoden hat man sich noch weit vor dem Ende an der Schwärze „sattgesehen“. Schade auch, dass es nur so wenige „Eyecatcher“ gibt – einzelne Episoden, einzelne Szenen stechen durch eine erfrischende (oder auch erlösende) Farbfrischheit aus der Dunkelheit hervor. Sicherlich, all dies ist ein Stilmittelkonzept. Aber warum ist man diese Linie dann nicht auch konsequent gefahren, sondern hat mit den Episoden 15 und 19 zwei leicht kontextlos wirkende Folgen geschaffen, die in Sachen Optik und Grundstimmung kaum mit den restlichen zu vergleichen sind ? Immerhin, als „mutig“ muss man die Macher hinter diesem Werk auf jeden Fall bezeichnen. Dieser Anime folgt so ziemlich keiner gängigen Norm und charakterisiert sich damit als unvergleichliche Serie. Der Soundtrack ist weniger aus Musikstücken, als aus sphärisch-mystsichen Klängen zusammengebaut, welche die bedrückende, bedrohliche Stimmung perfekt untermalen. Aber auch hier gilt: Abwechslung ist etwas anderes, in diesem Fall wird die Richtung konsequent beibehalten.

Das größte Augenmerk sollte man jedoch auf die Story legen, die mit einer wahnsinnig innovativen, faszinierenden Grundidee daherkommt. Die Umsetzung ist intelligent und geschickt ausgefallen, wenngleich man sich gerade in den letzten Folgen etwas verloren fühlt. Schließlich bietet Ergo Proxy eine bisher nie dagewesene Fülle an Traum- und Fiktionssequenzen, sodass man letztlich nur noch schwer unterscheiden kann, was sich in der „Realität“ und was in den Köpfen der Protagonisten abspielt. Ein klein wenig „gemein“ ist in diesem Zuge, dass die letzten Episoden eine deutlich höhere Anzahl an Fiktionsthematiken haben – und man endlich wieder die „Realität“ erwartet. Doch dann muss man feststellen, dass man sich bereits in der letzten Folge befindet – und das Ganze längst (das heisst, vor ein Paar Folgen) zur Realität geworden ist. Der Übergang verläuft hierbei sehr schwammig und verwirrend, wie sich auch viele einzelne Folgen beschreiben lassen. Ergo Proxy ist alles – nur keine leichte Kost. Die Serie fordert das Höchstmaß an Aufmerksamkeit seitens der Zuschauer, und verlangt ihm einiges ab. Sicherlich auch ein gewisses Durchhaltevermögen und den Willen, Informations-Versatzstücke selbst zusammenzubasteln, um am Ende zu einem halbwegs eindeutigen Ergebnis zu kommen.

Klare Stärken des Animes bleiben also die faszinierende, apokalyptische Geschichte (die mit der ein oder anderen verstörenden Überraschung aufwarten wird), und die Darstellung der Charaktere. Diese Charakterporträts fallen sehr intensiv und glaubwürdig aus, man ist automatisch fasziniert vom Schicksal der Beteiligten. Der größte Clou bleibt die hypothetische Zusammenführung der Vorgeschichte und des Epilogs: so weit aus dem Fenster lehnen (um derart existenzielle Fragen zu stellen) können sich eben nur die Japaner. Wahnsinn… verstörend, berührend, faszinierend, und vor allem: offen. Nein, es gibt kein Happy-End oder den offensichtlichen Weltuntergang… sehr schön, dass man dem Zuschauer hier genügend Freiraum lässt.

Wenngleich man Spoiler bei dieser Serie vermeiden sollte, bleiben letztendlich doch noch viele Fragen offen. So zahlreich sie sind oder sein können, sei an dieser Stelle nur eine als Beispiel herausgepickt – nämlich die nach dem warum und wie der Erinnerungsübertragung. Das heisst vorsichtshalber doch: Achtung, Spoiler ! Ist wird deutlich, dass Ergo Proxy aus Verzweiflungsgründen nach Mosk reiste und sich in die dortige Herrscherin Monad verliebte. Diese wurde dann im Zuge des genialen Plans von Proxy One entführt, sodass Ergo Proxy seine zweite Persönlichkeit – Vincent Law – erschuf. Dann aber wird es mysteriös: Vincent Law hatte folglich keine Erinnerungen, sondern war eine verhältnismäßig unbefleckte Persönlichkeit. Doch in ihm schlummerte weiterhin Ergo Proxy, was später auch ersichtlich wird – als er mit der wiedererwachten Monad in Kontakt kommt. Dann findet die Übertragung der Erinnerungen statt, sodass auch Ergo Proxy selbige verliert und nicht mehr weiss wer er ist. Warum, bleibt schleierhaft – schließlich ist er nun wieder mit seiner Geliebten zusammen. Eigentlich bleiben nur zwei Möglichkeiten: entweder, die Persönlichkeit von Vincent Law ist so stark, dass Ergo Proxy „keine Chance“ mehr hat zu dominieren und mit seiner Geliebten zusammenzusein (höchstens als Vincent Law, aber das ist nicht Sinn der Sache) – oder, Monad ist nicht mehr dieselbe und hat sich im Zuge der Experimente verändert. In jedem Fall kommt es zu einem „Deal“ der zur Folge hat, dass sowohl Ergo Proxy und Monad ausgelöscht werden. Es bleibt Vincent Law, der eigentlich ein „normales“ Leben führen könnte… doch das sieht der Plan nicht vor. In ihm werden Selbstzweifel geweckt, er begibt sich auf die suche nach seinen Erinnerungen… und auch Monad (beziehungsweise die Klone von ihr) spielen eine weitere Rolle. Das faszinierendste aber bleibt der geniale Plan von Proxy One… und die Geschichte der Evakuierung. Wie wird wohl die Rückkehr ausfallen… Spoiler Ende.

Es folgen alle Positiv- und Negativaspekte von Ergo Proxy in einer Übersicht.

+ Absolut stimmiges, sehr düsteres Setting
+ Geniale, abgedrehte Grundidee
+ Starke Charakterporträts
+ Merklicher Cyberpunk-Mystery-Touch
+ Verwebung der Geschichten verschiedener Lebensformen (Menschen, Klone, Proxys, Autoreivs)
+ Schauderhaft-genialer Soundtrack
+ Viele Fragen entstehen, werden zu einem großen Teil auch beantwortet
+ Offenes Ende

– Optik bietet letztlich nicht viel Abwechslung (Dunkelheit)
– Hintergründe und Charaktere wirken einstweilen schwach und detailarm gezeichnet
– Zwei Episoden fallen stilistisch merklich aus der Reihe
– Grenze zwischen Fiktion, Traum und Realität sehr verwaschen

Fazit: Ergo Proxy ist keine Anime-Serie für jedermann. Sie ist einstweilen sehr „anstrengend“ und verlangt dem Zuschauer einiges ab – Durchhaltevermögen, ein Mitdenken und auch einen ausgeprägten Interpretationswillen. Lässt man sich aber darauf ein und hält bis zum Ende durch, erwartet einen die ein oder andere Überraschung, die wahnwitzige Grundidee und Intention der Story erschließt sich. Und diese bleibt definitiv im Gedächtnis. Für Fans von komplexen, verschachtelten Werken eine absolute Empfehlung – gerade wenn man auf düstere, mystische, apokalyptische Settings steht. Dennoch kann man Ergo Proxy nicht so vorbehaltlos empfehlen wie beispielsweise Neon Genesis Evangelion – eine Serie, die ebenfalls einen enormen Mystery-Touch hat, aber trotz einer höheren Komplexität (!) interessanterweise allgemein zugänglicher erscheint.


85button

„Einzigartige Story, etwas düstere Gesamtaufmachung.“

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