Rezensionen: Filme

Filmkritik: „Menschenfeind“ (1998)

Originaltitel: Seul Contre Tous
Regie:
Gaspar Noé
Mit: /
Laufzeit:
93 Minuten
Land:
Frankreich
Genre:
Drama

Inhalt: Ein arbeitsloser Metzger (Philippe Nahon) schafft es trotz aller Bemühungen nicht, ein für ihn zufriedenstellendes Leben zu führen – und dass, obwohl er sich reichlich bemüht und sich seiner Meinung nach immer redlich verhalten hat. Doch eines Tages glaubt er fälschlicherweise, seine Tochter sei Opfer eines Verbrechens geworden – und greift daraufhin einen Arbeiter an, der nichts mit der Sache zu tun hat. Nachdem er wieder aus dem Gefängnis entlassen wurde, versucht er, ein komplett neues Leben zu beginnen – und lässt dafür seine Tochter in einem Heim zurück. Zusammen mit seiner neuen Freundin, die von ihm schwanger ist, zieht er in einen Vorort von Lille. Doch die anfängliche Euphorie vergeht schnell, besonders nachdem seine Freundin das Geld, welches er eigentlich für die Pacht einer Schlachterei einsetzen wollte, für sich und das Kind behalten möchte. Noch ein paar Missverständnisse mehr – und der Metzger begeht eine Tat, die er trotz offensichtlicher Grausamkeit nicht bereut. Er muss daraufhin nach Paris flüchten, wo er in einem heruntergekommen Hotelzimmer unterkommt. Doch auch hier macht er sich keine Freunde – er besucht stattdessen alte und bittet sie um Hilfe. Doch dieser Tage geht es allen nicht besonders gut… er besinnt sich auf das, was er noch hat – eine Pistole und drei Kugeln.

Kritik: Menscheinfeind ist sicherlich kein Film für schwache Gemüter, wie es der Titel und das Cover bereits vermuten lassen. Es handelt sich hierbei weniger um einen reißerischen Actionstreifen, als um einen tiefen Einblick in die zerrissene Seele eines verzweifelten Mannes, der offenbar nie wirklich Glück im Leben hatte – und seinen Hass auf die Gesellschaft immer wieder in seine eingefahrenen Gedankengänge projiziert. So lauscht man als Zuschauer eben diesen Gedanken, die sich immer mehr auftürmen und bis an die Grenze des Wahnsinns gehen – bis zu einem Zeitpunkt, ab dem eine Verzweiflungstat unausweichlich erscheint. Doch im Sinne des Metzgers würde es sich niemals um eine solche handeln. Er hat sich eine ganz eigene, verhasste Weltanschauung geschaffen, nach der er lebt und handelt, handeln möchte – denn nicht alles was er plant, setzt er auch die Tat um. So offenbart eine besonders brutale Szene gegen Ende des Films, dass er zwar durchaus einem schwer zu beurteilendem Wahn verfallen ist – aber immer noch abwägen kann. Allerdings weniger zwischen gut und böse, denn ein „gut“ gibt es seiner Weltanschauung nach ohnehin nicht.

Man bekommt also reichlich harten Tobak geboten – auch wenn sich die Gewaltszenen im Grunde auf ein Minimum beschränken. Doch wenn es erst einmal soweit ist, dann wird vollends zugelangt – und auch allerlei (ekelhafte) Details werden ersichtlich. Das erfordert durchaus starke Nerven – ebenso wie die teilweise pornographischen Szenen, die ebenfalls recht explizit dargestellt werden. Wie aber soll man einen Film wie diesen hier möglichst objektiv bewerten ? Dies erscheint beinahe unmöglich, wie auch die Frage nach dem „warum“ – und dem was. Was will uns der Regisseur mit diesem Werk sagen, was will er aufzeigen ? Dass Menschen wie der „Metzger“ keinesfalls abwegige Erfindungen sind, sondern genausogut unsere Nachbarn sein könnten ? Dass es Menschen gibt, bei denen es schwerfällt Wahn und Weltanschauung voneinander zu trennen ? In jedem Fall hinterlässt der Film einen bleibenden Eindruck. Das Porträt dieses Mannes fällt recht intensiv, verstörend und teilweise sogar nachvollziehbar aus. Auch kommen Gedanken an andere Filme, in denen Menschen aus ihrem Alltag ausbrechen und sich einmal so verhalten, wie sie es vielleicht immer wollten, auf. Wenn der Druck der Gesellschaft, wenn die vielfältigen Erwartungshaltungen auf einen Menschen wirken – ist es dann nicht nur verständlich, dass manche daran zerbrechen ?

Doch es ist nicht alles (blutbeflecktes) Gold, was glänzt. Im Falle von Menschenfeind lässt besonders die technische Inszenierung und die Schauplatzwahl noch Wünsche offen. So könnte es durchaus sein, dass das Leben auf den französischen Straßen und die gezeigte Lebensart im Paris der 80er Jahre einem internationalen Publikum nur schwer zugänglich sein wird. Auch ist die Erzählform relativ einseitig – die gesamte Geschichte wird aus der Sicht des Metzgers geschildert, sodass man sich nicht immer sicher sein kann, was tatsächlich geschieht; oder wie der Mann tatsächlich auf seinen jeweiligen Gegenüber wirkt. Etwas gewöhnungsbedürftig kommen sicherlich auch die speziellen Eigenheiten des Films daher: so wird häufig von einer Art Schussgeräusch (mit darauffolgendem Kamerazoom) Gebrauch gemacht, um zusätzliches, künstliches Tempo in die Szenen zu bringen. Dies stört und „erschreckt“ jedoch eher, ohne dass es einen weiteren inszenatorischen Sinn haben könnte. Auch die ständigen Einblendungen mit großer Schrift, oder aber die Warnmeldung, die 30 Sekunden herunterläuft, stören den Filmfluss erheblich. Scheinbar „geladene“ Szenen werden auch mal länger gezeigt um die beklemmende Grundstimmung nochmals zu verdeutlichen; aber auch unnötige Szenen wie die Sexszene im Kino – merkwürdig, und sicherlich wenig subtil. Schnitt und Kamera fallen demnach ambivalent aus: manchmal ist zuviel Tempo drin, manchmal gar keins – größtenteils aber bleibt das Geschehen nachvollziehbar. Die inneren Monologe scheinen niemals völlig aus der Luft gegriffen, sie haben zumeist einen Bezug auf die jeweilige Handlung und bleiben so nachvollziehbar.

Fazit: Das größte Lob gilt sicherlich dem Hauptdarsteller Philippe Nahon, der diesen mit Vorsicht zu genießenden Charakter hervorragend spielt. Aber auch die Nebendarsteller erscheinen sehr glaubwürdig, sind stellenweise sogar stark vom Leben gezeichnet (und das wohl nicht nur in Bezug auf ihre Rolle). Wie also sollte man diesen Film letztendlich werten ? Sicher, es handelt sich um keinen gewöhnlichen Film. Er ist gewagt, provozierend, brutal, spannend und – je nachdem – lebensnah. Doch die Geschmäcker dürften sich allgemein scheiden, und zwar merklich. Für ein zeitloses Meisterwerk ist der Film aber einfach nicht universell genug; die Botschaften zu unnahbar, die Brutalität zu explizit.

1 reply »

  1. Gute Kritik, ich selbst habe den Film noch nicht gesehen, glaube auch nicht, dass er mir gefallen wird aber anschauen werde ich ihn mir.

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